Burn-out – Ein Begriff in der Diskussion

Der Begriff Burn-out erfährt momentan eine intensive und kontroverse Diskussion. Befürworter des Begriffes sehen sich durch neuere Umfragen und Veröffentlichungen darin bestätigt, dass Burn-out nicht nur aufgrund seiner gesundheitspolitischen und sozioökonomischen Bedeutung, sondern aufgrund des erheblichen individuellen Leidensdruckes und der Zunahme der Häufigkeit von psychischen Erkrankungen eine hohe gesellschaftliche und medizinische Relevanz habe. Einzelne Untersuchungen sprechen je nach Berufsgruppe von Burn-out Raten von 20-30%, wobei Ärzte und hier gerade Psychiater und Psychotherapeuten besonders gefährdet zu sein scheinen. Nicht zu vergessen sind Folgen von bei Burn-out gehäuft auftretenden körperlichen Erkrankungen u.a. des Herz-Kreislaufsystems, des Skelett- und Muskelapparates sowie Erkrankungen allergischer Genese.

Kritiker wenden ein, dass es für den Begriff Burn-out keine einheitliche Definition gebe. Im ICD 10 ist Burn-out als „Restkategorie Z 73, Probleme verbunden mit der Lebensführung“ aufgeführt, im DSM IV gibt es den Begriff Burn-out nicht. Aufgrund der fehlenden Diagnosekriterien seien keine genaue Aussagen über die Häufigkeit, Ätiologie oder die Wirksamkeit von spezifischen Interventionen möglich. Burn-out werde als Ausweichdiagnose für zugrunde liegende psychische Störungen wie Depressionen, Angst oder Abhängigkeitserkrankungen verwendet.

Aufgrund von vielen individuellen Krankheits- und Leidensgeschichten von Burn-out Patientinnen und Patienten, die in den Oberbergkliniken behandelt wurden, wissen wir, dass beide Pole der Diskussion ihre Berechtigung haben. Burn-out ist keine Behandlungsdiagnose für einen stationären Aufenthalt, sondern beschreibt auslösende Faktoren im beruflichen und persönlichkeitsbezogenen Kontext, die zu stationär behandlungsbedürftigen psychischen Erkrankungen, wie z.B. Depressionen, Angst oder Abhängigkeit führen können.

Burn-out ist für die Oberbergkliniken kein diagnostisches Instrument, sondern ein sehr hilfreiches therapeutisches Konzept zur Erklärung unterschiedlicher individueller äußerer (beruflich-bedingter) und innerer (persönlichkeitsbedingter) Stressoren. Es bietet Therapeuten und Patienten die Chance, ätiologische Faktoren für Krankheitsentwicklungen besser zu verstehen und therapeutische Veränderungen im Sinne der Gestaltung einer „ansteckenden“ Gesundheit vorzunehmen.

Über die genaue Häufigkeit von Burn-out in der Allgemeinbevölkerung oder in einzelnen Berufsgruppen kann aus Sicht von Oberberg keine Aussage getroffen werden. Allerdings erscheinen Aussagen in einzelnen Studien, dass ca. 3-5% im Sinne einer ambulanten oder stationären Psychotherapie behandlungsbedürftig seien, nachvollziehbar. Die in vielen Studien genannte hohe Prävalenz von 20-30%, ja teilweise bis zu 50%, spiegelt aus Sicht von Oberberg eher die Tendenz der Veränderung der Arbeitswelt wieder als eine genaue Prävalenz eines bis heute nicht genau definierten Syndroms. In unserer Arbeitswelt werden Methodenkenntnisse, Produktivität und Wertschöpfung kontinuierlich weiterentwickelt, während Persönlichkeit, Miteinander und gelebte Werte bzw. Wertschätzung immer mehr in den Hintergrund zu rücken scheinen.

In diesem Kontext bietet (und fordert) die Auseinandersetzung mit dem Thema Burn-out für jeden von uns die Chance, ein ganzheitliches Verständnis für unsere eigene Gesundheit zu entwickeln, welches äußere, sprich berufliche und familiäre sowie innere persönlichkeitsbedingte An- und Überforderungen beleuchtet und hinterfragt. Aus diesem Grund führt die Oberberg Akademie regelmäßig Workshops zum Thema Ärztegesundheit an, zuletzt auf dem DGPPN Kongress 2011.

Mit dem Hartmannbund ist ein Workshop zum Thema Ärztegesundheit für das Frühjahr 2012 in Vorbereitung geplant. Ebenfalls für das Frühjahr 2012 planen die Oberbergkliniken ein Symposium zum Thema Burn-out und Stoffwechsel. Weitere Informationen zu beiden folgen.

Eine neuere und differenzierte Übersicht zu dem Thema Burn-out finden Sie in der Übersichtsarbeit von Kaschka et al.: „Modediagnose Burn-out“ im Heft 46 des Deutschen Ärzteblattes 2011.

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Prof. Dr. med. Götz Mundle