Fachklinik Rhein-Jura

Schwerpunkt: Chronische Fatigue und Chronisches Fatigue Syndrom (CFS)

Erschöpfung zählt zu den häufigsten unspezifischen Symptomen, welche die meisten Menschen zu irgendeiner Zeit ihres Lebens einmal erleben. In der deutschen Allgemeinbevölkerung sind gemäß Selbsteinschätzung 6,1% chronisch erschöpft. Erschöpfung und Atemnot werden mittlerweile auch als Langzeitfolgen einer Covid-19 - Infektion beschrieben. Unter Fatigue versteht man eine zu den vorausgegangenen Anstrengungen unverhältnismäßige Erschöpfung nach körperlicher und/oder geistiger Anstrengung. Häufige Ursachen sind Eisenmangel, chronische Organerkrankungen, Depression und Schlafstörungen.

Fatigue tritt auch häufig bei Autoimmunerkrankungen auf, bei chronischen Infektionserkrankungen oder unter einer immunmodulatorischen Behandlung mit Interferon und Checkpoint-Inhibitoren. Bei einigen dieser Erkrankungen zählt die Fatigue zu den am meisten beeinträchtigenden Symptomen und kann zu wesentlichen Einschränkungen in den Alltagsaktivitäten führen. Neben der ausgeprägten Erschöpfung leiden die Patienten unter Schmerzen, kognitiven Störungen und nicht erholsamem Schlaf.

Das Chronische Fatigue Syndrom (CFS)

Die Erkrankung beginnt meist akut im Anschluss nach einer Infektion. Das Chronische Fatigue Syndrom (CFS), auch bekannt unter den Namen Chronic Fatigue Syndrom und Chronisches Erschöpfungssyndrom, wird allerdings nur diagnostiziert, wenn die Symptome länger als 6 Monate bestehen. Auch andere Auslöser wie Traumata der Wirbelsäule oder eine belastende Operation sind möglich. Neben Symptomen eines chronischen Infektes (grippeähnliches Gefühl, anhaltender Husten, Halsschmerzen) treten oft ausgeprägte Konzentrations- und Gedächtnisprobleme, Wortfindungs- und Artikulationsstörungen, Überempfindlichkeit für Licht, Lärm und Gerüche sowie eine psychomotorische Verlangsamung auf. Aufgrund der neurokognitiven Symptome wird im Englischen meist der Begriff myalgische Enzephalomyelitis (ME) verwendet. Inzwischen findet sich oft auch die Bezeichnung CFS/ME.

Trotz der Chronischen Fatigue bestehen meist schwere Schlafstörungen. Auch längere Pausen bewirken keine Erholung. An weiteren Symptomen können Gelenk-, Muskel- und Kopfschmerzen auftreten. Manche Patienten haben generalisierte Schmerzen wie bei einer Fibromyalgie. Als Leitsymptom gilt eine Zunahme der Beschwerden nach einer nicht dazu im Verhältnis stehenden körperlichen oder geistigen Anstrengung (postexertionelle Malaise = PEM). Die Erschöpfung lässt sich durch Ruhe nicht beheben.

Bleibt das Chronische Fatigue Syndrom (CFS) unbehandelt, besteht ein erhebliches Risiko des Fortbestands der Erschöpfungssymptomatik mit weiteren Einschränkungen durch begleitende psychische Störungen (v.a. Ängste und Depressionen). Dieses Chronische Fatigue Syndrom (CFS) ist in den letzten Jahren zunehmend in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt. Durch den chronischen Verlauf der Erkrankung ist es meist für die Patienten/innen mit einem sehr hohen Leidensdruck verbunden und einer massiven Beeinträchtigung des Alltags, so dass Arbeit und Ausbildung kaum möglich sind. Das Chronische Fatigue Syndrom (CFS) ist unbehandelt meist chronisch und führt bei vielen Betroffenen zur Berufsunfähigkeit.

 

Multifaktorielle Erklärungsmodelle

In den letzten Jahrzehnten wurden große Anstrengungen unternommen, um die Krankheitsdefinition und die Diagnostik von CFS zu präzisieren. Die Datenbasis für einen fundierten Umgang mit dieser Erkrankung wächst. Wir stehen im engen Austausch mit führenden Experten auf diesem Gebiet (Fatigue Zentrum der Charité Berlin) und profitieren so vom aktuellen Stand des Wissens. Das Chronische Fatigue Syndrom (CFS) wird von den meisten Wissenschaftlern als eine Multisystemerkrankung betrachtet mit Dysregulation des Immunsystems, des Nervensystems und des zellulären Energiestoffwechsels. Obwohl Das Chronische Fatigue Syndrom (CFS) oft mit einem Infekt beginnt und viele Patienten/innen anhaltende Infektsymptome haben, lässt sich eine aktive Infektion nur bei einem kleinen Teil der Patienten/innen nachweisen.

Ursächlich wird bei CFS-Erkrankungen, die durch eine Infektion ausgelöst werden, eine gestörte Immunregulation mit Autoimmunität angenommen. Zumindest bei einem Teil der Betroffenen bestehen neurobiologische Veränderungen. Eine methodisch sorgfältig angelegte Fallkontrollstudie von Heim et al. (2009) spricht für den Zusammenhang traumatischer Lebenserfahrungen in der Kindheit und dem Bestehen eines chronischen Erschöpfungssyndroms.

Fallbeispiel Chronische Fatigue:

Ein 58-jähriger Patient, früher selbstständiger Schreiner und Handwerker, ist seit Oktober 2015 berufsunfähig aufgrund körperlicher Defizite im Rahmen einer Multiplen Sklerose, welche 2013 erstdiagnostiziert wurde. Im Februar 2019 kommt er zur stationären Aufnahme in unsere Klinik wegen einer schweren depressiven Episode, chronischer Erschöpfung und Müdigkeit, zunehmender Konzentrationsprobleme, Schlafstörungen sowie Lebensüberdrussgedanken. Im Kontakt zu verschiedenen Bezugspersonen seiner Kindheit und Jugend erlebte der Patient immer wieder Bestrafung (körperliche Gewalt) und zum anderen Abwertung der eigenen Person („nichts zu taugen, es niemals zu etwas zu bringen“), sobald er versuchte, für sich einzustehen. Das Äußern von Wünschen war in keinem Kontakt möglich („Gehorsam, ohne zu hinterfragen“). Entsprechend entwickelte er übergreifende Verhaltensstrategien, nichts zu sagen und sich anzupassen, auch wenn er hierbei seine eigenen Grenzen übertrat.

Weitere Selbstabwertung fand im Bereich des Umgangs mit der MS-Erkrankung und dem damit einhergehenden Fatigue-Syndrom statt. Zuletzt war der Patient bei einem Taxiunternehmen angestellt und hatte dort über 200 Stunden im Monat gearbeitet. Ihm gelang es nur schwer, seine Erschöpfung als krankheitsbedingt anzunehmen und übte stattdessen starke Kritik an sich selbst („müsste mehr können, wieder nichts geschafft, tauge zu nichts“). Im Rahmen der stationären multimodalen Therapie konnte der Patient neue, zielführende Verhaltensstrategien erarbeiten, unterstützt durch die Entwicklung von hilfreichen Gedanken sowie das Training dieser Verhaltensweisen in Rollenspielen. Im Rahmen der Fach- und Bewegungstherapien gelang dem Patienten ein verbessertes Körpergefühl und eine frühzeitige Wahrnehmung seiner körperlichen Grenzen. Darüber hinaus konnte sich der Patient auf eine psychopharmakologische Medikation seiner schweren depressiven Episode einlassen.

Es zeigte sich eine Rückkehr von Freude und Interesse, Stabilisierung der Stimmung, Besserung des Schlafes und des Antriebs. Bei Entlassung konnte sich der Patient unter bestimmten Voraussetzungen eine Rückkehr in das Berufsleben vorstellen.

 

 

 

„Das Leben wieder selbst gestalten“

Das CFS ist eine chronische Erkrankung, bislang sind keine Medikamente zur kausalen Therapie verfügbar. Die Behandlung des Chronischen Fatigue Syndroms (CFS) ist daher symptomorientiert und zielt darauf ab, Beschwerden der Erkrankung zu lindern, Überanstrengung zu vermeiden, Infektionen und andere Ursachen für eine Immunaktivierung zu behandeln und Mangelzustände zu beheben. Viele Patienten(innen) nehmen Nahrungsergänzungsmittel ein, um den Energiestoffwechsel zu verbessern. Positive Daten aus kleinen Studien gibt es für B-Vitamine, Ribose, Carnitin, Coenzym Q10 und NADH. Auch Magnesiumsubstitution mit 300 bis 500mg täglich hilft vielen Patienten/innen mit CFS. Ein Eisen-, Vitamin B12-, Folsäure- und Vitamin D-mangel muss behandelt werden. Die Ernährung sollte proteinreich sein und ausreichend ungesättigte Fettsäuren, zum Beispiel in Form von Omega-3-Fettsäuren enthalten.

 

Zwei Verhaltensmuster als Reaktion auf die erlebte Symptomatik werden bei dem Chronischen Fatigue Syndrom (CFS) beobachtet und im Sinne der Aufrechterhaltung als ungünstig erachtet: zum einen die weitgehende Vermeidung von Aktivitäten im Sinne eines Schonungsverhaltens und zum anderen ein „Alles-oder-nichts“ Verhalten, bei dem Phasen der Inaktivität von Aktivitätsausbrüchen und Selbstüberforderung abgelöst werden. Ein wichtiges Element ist die psychoedukative Arbeit, die dem Patienten auch Techniken für den Umgang mit Erschöpfung nach körperlicher Belastung vermittelt. Durch Stressreduktion und dem sogenannten „Pacing“ kann es langfristig zu einer Besserung der durch das CFS ausgelösten Beschwerden kommen. Unter „Pacing“ wird das Einhalten eines individuellen Belastungsniveaus verstanden, so dass keine Überlastung nach dem Training auftritt. CFS-Patienten müssen daher zuallererst ihren Lebensstil der Krankheit anpassen und Belastungsspitzen „glätten“.

Im Umgang mit der CFS-Erkrankung sind neben Schlafregulation und Entspannungstechniken vor allem achtsamkeits- und akzeptanzorientierte Elemente der Psychotherapie, beispielsweise die Acceptance und Commitment Therapy (ACT) wirksam, wie auch klassische Elemente der kognitiven Umstrukturierung. Dies wird begleitet von einem alltagsnahen Training zur Einschätzung und Dosierung der Belastung und einem schrittweisen konditionellen Aufbau („Graduierte Aktivierung“). Im Rahmen der Behandlung lernen Betroffene, ihre Symptome nicht als Zeichen einer unveränderlichen Pathologie aufzufassen. Selbstwirksamkeit und Selbstkontrolle über die eigene Lebensführung werden gefördert mit dem Ziel, das Leben wieder selbst gestalten und nicht durch die chronische Erschöpfungssymptomatik bestimmen lassen. Sozialtherapeutische Unterstützung bei der Klärung finanzieller Fragen und im Zusammenhang mit Ausbildung und Beruf helfen dem Patienten auf dem Weg zurück in den Alltag.

 

Dr.med. Andreas Jähne / Dr.med. Johannes Bauer

Oberberg Fachklinik Rhein-Jura, Bad Säckingen

 

Literatur:

Scheibenbogen C, Wittke K, Hanitsch L, Grabowski P, Behrends U. Chronisches Fatigue Syndrom / CFS. Ärzteblatt Sachsen 2019; 9: 26-30

 

Wirth K, Scheibenbogen C. A Unifying Hypothesis of the Pathophysiology of Myalgic Encephalomyelitis/Chronic Fatigue Syndrome (ME/CFS): Recognitions from the finding of autoantibodies against ß2-adrenergic receptors. Autoimmun Rev. 2020;19(6):102527.

 

Rasa S, Nora-Krukle Z, Henning N, et al. Chronic viral infections in myalgic encephalomyelitis/chronic fatigue syndrome (ME/CFS). J Transl Med. 2018;16(1):268. Published 2018 Oct 1. doi:10.1186/s12967-018-1644-y

 

Heim C. et al. Childhood trauma and the risk for chronic fatigue syndrome: Assotiation with neuroendocrine dysfuncition. Arch Gen Psychiatry 2009; 66: 72-80

 

Martin A. Chronische Erschöpfung und chronisches Erschöpfungssyndrom: Psychosomatik und Verhaltensmedizin, Rief, Henningsen, Schattauer 2015, 676-690

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