16.04.2021

Online-Vortragsreihe „Die Pandemie und ihre Auswirkungen auf unsere Psyche“ - Woran leidet die kindliche und jugendliche Psyche in der Pandemie?

Nach dem Auftakt der Online-Vortragsreihe „Die Pandemie und ihre Auswirkungen auf unsere Psyche" der Oberberg Gruppe mit Prof. Dr. Dr. Karl Lauterbach (MdB) und Prof. Dr. Dr. Matthias J. Müller (Ärztlicher Direktor/Medizinischer Geschäftsführer und CEO der Oberberg Gruppe), referierte Prof. Dr. Michael Schulte-Markwort (Hamburg) zum Thema kindliche und jugendliche Psyche in der Pandemie. Es moderierte Prof. Dr. Dr. Tobias Banaschewski (Mannheim).

Die Veranstaltungen finden bis zum 16. Juni 2021 im vierzehntägigen Turnus jeweils mittwochs von 18:30 bis 20 Uhr live über Zoom statt.  Die Online-Vorträge sind jeweils mit 2 CME-Punkten zertifiziert. Die Oberberg Gruppe stellt im Nachgang die Vorträge in ihrer Mediathek (https://www.oberbergkliniken.de/veranstaltungsreihe-pandemie-und-psyche/mediathek) sowie auf YouTube (https://www.youtube.com/watch?v=t2enkOr1Pug&t=629s) zum Nachhören online.

 

Der renommierte Kinder- und Jugendpsychiater Prof. Dr. med. Michael Schulte-Markwort ist Ärztlicher Direktor der Marzipanfabrik sowie Supervisor der Praxis Paidion in Hamburg. Er befasst sich seit 1988 mit der Heilkunde für Kinderseelen.

 

Der Experte vergleicht in seinem Vortrag die Situation der Kinder und Jugendlichen in der präpandemischen mit der pandemischen Lage. Grundlage seiner Ausführungen bilden eine Reihe von Studien, ergänzt um klinische Erfahrungen und Beispiele. Im Anschluss seines Vortrags stand der Psychiater für Fragen der rund tausend Teilnehmerinnen und Teilnehmer, unter Moderation von Prof. Dr. Dr. Tobias Banaschewski (Ärztlicher Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters und Stellvertretender Direktor des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit, Mannheim) zur Verfügung.

 

Das Fazit von Prof. Schulte-Markwort: Alle Menschen erbringen in der Phase der Pandemie eine erhebliche Verzichtsleistung, Kinder seien jedoch nicht generell belasteter als Erwachsene. Von Langzeitschäden durch die Pandemie sei bisher nicht auszugehen. Die kindlichen Emotionen korrelieren viel eher mit elterlicher Angst. „Es ist unsere Aufgabe, Kinder zu entängstigen“, erklärt der Experte.

 

Ungeachtet der derzeitigen Situation fordert der Psychiater, dass wir grundsätzlich unsere Anstrengungen verstärken, alle Kinder mit psychischen Störungen zu versorgen und Risikofamilien nicht zu vernachlässigen. 50 Prozent aller diagnostizierten Kinder seien nicht in Behandlung. „Wenn es um ein krankes Organ ginge, würde sehr viel dafür getan, dieses wieder zu heilen“, sagt Prof. Schulte-Markwort. „Erkrankt die Psyche, fehlt oft die Unterstützung.“

 

Die Pandemie verstärkt vorbestehende psychischer Probleme
20 Prozent der Kinder zeigten laut Studien bereits in der präpandemischen Lage psychische Störungen, psychosomatische Störungen erhöhen den Anteil um 5 Prozent. Diese sind u.a. auch schichtabhängig und kumulieren mit einer Reihe von Risikofaktoren, dazu zählt auch das familiäre Umfeld: Ein gutes Familienklima sei der wichtigste Schutzfaktor.

Schon vor Corona waren 40 Prozent der Kinder gereizt, 28 Prozent klagten über Bauchschmerzen, 26 Prozent litten unter Rückenbeschwerden. Psychosomatische Symptome erhöhten die Prozentzahl. Sie stiegen während der Pandemie um etwa 10 bis 15 Prozent an.

Fakt ist, das Risiko für schwere psychischer Auffälligkeiten ist weitgehend gleichgeblieben. Zu 80 Prozent bleibe die subjektive Lebensqualität der Kinder stabil, 90 Prozent der Kinder blieben mit ihren Störungen stabil.

 

Sinkender Schulstress als Chance in der Pandemie
Der Blick in die Studien: Präpandemisch zeigten Kinder eine gute subjektive Gesundheit und eine hohe subjektive Lebensqualität. Allerdings sei die Schulzufriedenheit aus Sicht des Psychiaters sehr gering. Nur 35 Prozent der Kinder zeigten eine hohe Schulzufriedenheit, 30 Prozent litten unter Schulstress. Die Schulsituation ist während der Pandemie anstrengender geworden oder genauso anstrengend geblieben. Im Ergebnis finden 10 Prozent der Kinder und Jugendlichen sie weniger anstrengend.

Wenn der Schulstress, der manchmal bis zur Erschöpfungsdepression führt, in diesen Krisenzeiten sinke, sei dies die Chance, das Schulsystem nachhaltig zu verändern – zum Vorteil der Kinder. Wunsch des Kinder- und Jugendpsychiaters ist, als Folge der Erfahrungen der Kinder den Präsenzunterricht zu flexibilisieren, Hybridmodelle einzuführen bzw. daran festzuhalten und die Kinder individueller zu fordern und fördern.

Seine klinische Einschätzung zur pandemischen Lage: 30 Prozent der Kitakinder erlitten keinen Trennungsstress, Grundschulkinder seien lieber zuhause. Teenager könnten sich weniger ausprobieren. Abiturienten würden um ihre Rituale gebracht, Erstsemester studierten anonym. All das sei sichtbar, aber hieße nicht, dass es Kindern immer schlechter gehe.

Abschließend richtet Prof. Dr. Dr. Matthias J. Müller die Frage an den Kinderpsychiater, ob wir Erwachsenen von Kindern in der Pandemie lernen könnten. Der Ausblick ist positiv: Kinder seien flexibler und anpassungsfähiger als Erwachsene. „Sie können ein Vorbild für Resilienz in der Krise sein“, so Prof. Schulte-Markwort.

 

Der nächste Vortrag aus der Reihe findet am 7. April 2021 statt. Thema ist „Psychisch krank durch die Pandemie? Zwischen Bagatellisierung und Panikmache“. Es referiert Priv.-Doz. Dr. Lars Hölzel. Prof. Dr. Thomas Ehring wird die anschließende Diskussion moderieren.