Menschen, die unter Agoraphobie (Platzangst) leiden, haben große Angst vor Situationen, in denen sie in Not geraten könnten, ohne Hilfe zu bekommen. Die Agoraphobie (Platzangst) gehört zu den Angsterkrankungen und ist eng mit der Panikstörung verknüpft, bei der regelmäßig auftretende Panikattacken den Alltag von Betroffenen stark einschränken. Eine Agoraphobie (Platzangst) äußert sich im Vermeiden von angstauslösenden Situationen. Dies geht häufig so weit, dass Betroffene kaum noch das Haus verlassen.

Symptomatik Symptome einer Agoraphobie (Platzangst)

Eine Agoraphobie (Platzangst) ist insbesondere durch Vermeidungsverhalten gekennzeichnet. Häufig haben Menschen, die unter Agoraphobie leiden, Panikanfälle in öffentlichen Räumen erlebt und entwickeln als Folge darauf eine „Angst vor der Angst“. Bei einer Panikattacke kommt es zu starken körperlichen Symptomen wie Atemnot, Schweißausbrüchen oder Herzklopfen. Betroffene sind meist davon überzeugt, dass sie (aufgrund ihrer Symptome) sterben oder verrückt werden. Um das Auftreten von Panikattacken zu vermeiden, beginnen die Betroffenen Situationen zu meiden, in denen Panikattacken auftreten könnten. Die Angst besteht vor allem davor, aus einer Situation, in der Panik auftritt, nicht entkommen zu können. Deshalb hilft ihnen häufig die Anwesenheit anderer Personen, die im Zweifelsfall Hilfe holen könnten. Welche Situationen von Menschen mit Agoraphobie vermieden werden, ist individuell unterschiedlich. Teilweise werden „nur“ sehr bestimmte Situationen vermieden, in anderen Fällen kann sich die Angst generalisieren und die Betroffenen schaffen es kaum, allein das Haus zu verlassen.

 

Dieses Vermeidungsverhalten wird in dem Krankheitsklassifikationssystem DSM-5 unter dem Begriff Agoraphobie (Platzangst) zusammengefasst. Übersetzt bedeutet Agoraphobie die Angst vor großen weiten Plätzen. In der heutigen Diagnostik gilt es als zusammenfassender Begriff für das Vermeiden von angstauslösenden Situationen.

Diagnostik Diagnosestellung einer Agoraphobie (Platzangst)

Angst vor spezifischen Situationen und Panikanfälle können auch im Rahmen anderer Angsterkrankungen auftreten. Um Agoraphobie (Platzangst) von anderen Angsterkrankungen abzugrenzen (beispielhaft von der Sozialen Phobie), sind die Inhalte der Befürchtungen genau zu erfragen. Menschen, die unter Agoraphobie (Platzangst) leiden, haben in der Regel

Furcht vor einer unmittelbar drohenden körperlichen oder geistigen Katastrophe – zum Beispiel in Ohnmacht zu fallen oder verrückt zu werden.  Im Vordergrund der Angst steht dabei auch die Kontrolle zu verlieren.

 

Folgende Situationen werden häufig von Betroffenen gemieden oder nur unter starker Angst ertragen:

  • allein außer Haus sein
  • in einer Menschenmenge sein
  • in einer Warteschlange stehen
  • auf einer Brücke sein
  • mit Bus, Zug oder Auto fahren

All diesen Situationen ist gemeinsam, dass es im Falle starker Angst oder einer Panikattacke vor Ort nur schwer wäre, der Situation zu entkommen oder dass eine Flucht als besonders peinlich wahrgenommen werden würde.

 

Menschen, die an Agoraphobie (Platzangst) erkrankt sind, leiden häufig auch unter anderen psychischen Erkrankungen wie zum Beispiel einer Depression oder Substanzabhängigkeit. Es sollte abgegrenzt werden, ob Symptome einer Agoraphobie (Platzangst), wie zu Beispiel Panikattacken, nur im Rahmen von schweren depressiven Phasen oder im Rahmen einer Entzugssymptomatik auftreten.

Prävalenz Relative Häufigkeit der Agoraphobie (Platzangst)

Zwischen 0,9% und 4,7% der westlichen Bevölkerung erkranken im Laufe ihres Lebens an einer Agoraphobie.

Ursachen Auslöser einer Agoraphobie (Platzangst)

Ausgelöst wird eine Agoraphobie (Platzangst) und Panikstörung häufig durch einschneidende Lebensereignisse. Dazu gehören Ereignisse wie der Tod eines Angehörigen, eine TrennungErkrankungSchwangerschaft oder Geburt.

Da die Störung häufig nach dem Tod eines nahestehenden Menschen oder nach einer Trennung auftritt, sind statistisch gesehen ledige Menschen häufiger von Panikstörungen und Agoraphobie (Platzangst) betroffen als Menschen, die in einer Partnerschaft leben.

Ätiologie Entstehung einer Agoraphobie (Platzangst)

Die Entstehung einer Agoraphobie (Platzangst) ist stark mit der Wahrnehmung körperlicher Symptome verbunden. Wenn bestimmte körperliche Empfindungen als ein Hinweis auf Bedrohung oder Krankheit bewertet werden, wie zum Beispiel Herzklopfen, Schweißausbrüche oder Hitzegefühle, dann kann sich bei Betroffenen schnell eine Angst vor diesen Symptomen entwickeln. Diese Angst kann beim akuten Auftreten solcher Symptome in einem Aufschaukelungsprozess so stark werden, dass sie als Panikattacke bezeichnet werden kann:

Durch die verstärkte Wahrnehmung der körperlichen Empfindungen entsteht die Angst, durch welche dann wiederum verstärkte körperliche Angstsymptome wie ein heftiger Herzschlag auftreten. Der Aufschaukelungsprozess gipfelt bei Betroffenen nicht selten in der Überzeugung zu sterben.

 

Treten solche Panikanfälle öfter auf, kommt es bei einigen der an Agoraphobie Erkrankten zu einem sogenannten Vermeidungsverhalten. Situationen, in denen Panikattacken auftreten könnten und in denen eine Flucht kaum möglich ist, werden dabei so gut es geht vermieden. Dieses Vermeidungsverhalten wiederum führt zu einer immer stärker werdenden Angst davor, die subjektiv „gefährlichen“ Situationen aufzusuchen, da keine positiven und korrigierenden Erfahrungen gemacht werden. Derartige neue Erfahrungen könnten Betroffenen zeigen, dass nicht in jedem Fall ein Panikanfall in der gefürchteten Situation auftritt, bzw. dieser nicht zu den gefürchteten Konsequenzen führt. Ohne diese konfrontative Erfahrungen kommt es demnach in den meisten Fälle zu keiner Senkung der empfundenen Angst bei den Betroffenen.

Klinische Studien zeigen, dass jene Menschen, die unter einer Agoraphobie leiden und ein besonders starkes Vermeidungsverhalten an den Tag legen, Probleme mit der sogenannten „Extinktion von Lernerfahrungen“ haben. Negative Erfahrungen mit einem einhergehenden unangenehme Gefühl, werden dann auf andere Reize übertragen, mit der Erfahrung in Verbindung stehen. Zum Beispiel kann ein Kind, das vom Nachbarshund gebissen wurde, auch Angst vor den Nachbarn selbst oder dem Hund der Großmutter entwickeln.  Solche unangenehmen Gefühle verschwinden in der Regel nach kürzerer Zeit häufig dadurch, dass neue positive Erfahrungen mit dem Reiz gesammelt werden. Es ist möglich, dass aufgrund genetischer Unterschiede manche Menschen ein solches Extinktionslernen jedoch schwächer zeigen als andere. Diese sind stärker gefährdet eine Agoraphobie zu entwickeln.

Behandlung Behandlung einer Agoraphobie (Platzangst)

Agoraphobisches Vermeidungsverhalten kann gut mit Konfrontationsbehandlungen abgemildert werden: Dafür sollten die gefürchteten Orte oder Situationen bewusst aufgesucht werden. Je nach Vorgehen werden die Situationen zunächst in Begleitung eines Therapeuten aufgesucht und schließlich auch allein.

 

Bei einer Psychotherapie geht es neben einer gezielten Konfrontation mit der Angst zunächst einmal um eine Informationsvermittlung. Therapeut und Patient besprechen zusammen das Entstehungsmodell einer Agoraphobie, damit der Patient erfolgreich analysieren kann, wie die Angst und das Vermeidungsverhalten in seinem Fall zustande kamen. In einem zweiten Schritt wird eine kognitive Therapie durchgeführt. Dazu werden Glaubenssätze und Überzeugungen des Betroffenen mithilfe des Therapeuten herausgearbeitet und hinterfragt. Häufig liegen irrationale Überzeugungen vor, die die angstauslösenden Situationen betreffen. Diese Überzeugungen werden auf ihre Stichhaltigkeit untersucht, schließlich hinterfragt und verändert. Durch diese kognitive Veränderung entwickelt sich bei dem Patienten eine Bereitschaft, sich der Angst zu stellen.

Die Konfrontation selbst läuft meist an 5 bis 10 aufeinanderfolgenden Tagen ab. Dazu werden häufig auch über längere Zeiträume hinweg (6 bis 8 Stunden) angstbesetzte Situationen aufgesucht. Das geschieht zuerst in Begleitung eines Therapeuten, dann auch durch anderes medizinisches Fachpersonal oder mit Freunden und Bekannten. Schließlich sollen sich die Betroffenen allein an den angstauslösenden Orten aufhalten. Die Patienten werden dazu instruiert, die Angst in den jeweiligen Situationen so lange auszuhalten, bis sie spüren, dass sie wieder nachlässt. So können neue Erfahrungen mit den angstauslösenden Reizen gesammelt werden, die die alten Erfahrungen überschreiben

Therapie bei Oberberg Therapie einer Agoraphobie (Platzangst) in den Oberberg Kliniken

In den Oberberg Kliniken für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie unterstützen wir Menschen in schweren seelischen Krisensituationen mit effizienten Behandlungskonzepten. Dabei glauben wir fest an das Zusammenwirken von Menschlichkeit, Verbundenheit und Evidenz in einer erstklassigen Umgebung, die von einer herzlichen Atmosphäre aus Achtsamkeit, Zugewandtheit, Respekt und gegenseitigem Vertrauen geprägt ist. Mit zahlreichen verschiedenen modernen Therapieangeboten wird gemeinsam mit Ihnen ein individuelles Behandlungsprogramm entwickelt, um Ihre Agoraphobie (Platzangst) zu überwinden. Dabei begegnen wir Ihnen stets auf Augenhöhe.

Ansprechpartner Hilfe bei einer Agoraphobie - Sie können sich jederzeit an uns wenden!

Sie möchten mehr Informationen zu unserem therapeutischen Behandlungsangebot bei einer Agoraphobie, zur Ausstattung in den Kliniken oder zum Tagesablauf in einer Klinik erhalten? Dann würden wir uns freuen, wenn Sie mit uns persönlichen Kontakt unter der Telefonnummer 0800 5577330 (gebührenfrei) aufnehmen. Außerhalb Deutschlands wählen Sie bitte +49 30 20867301-0. Wenn Sie einen Rückruf für ein persönliches Gespräch vereinbaren möchten, füllen Sie bitte das Kontaktformular aus. Wir werden uns dann schnellstmöglich bei Ihnen melden.

Häufige Fragen F.A.Q. zur Agoraphobie

Agoraphobie setzt sich aus den Wörtern „Agora“ und „Phobie“ zusammen. Agora bedeutet so viel wie „weiter Platz“ oder „Marktplatz“. Phobie bedeutet „Angst“. Der Begriff wurde auf diese Weise durch den Neurologen Carl Westphal geprägt. Heute spricht man meist nicht von einer Phobie vor weiten Plätzen, wie man es aus der Übersetzung schlussfolgern würde, sondern von einer Phobie vor öffentlichen Plätzen. Mit öffentlichen Plätzen können eben solche Orte gemeint sein, an denen ein Angstanfall als besonders bedrohlich oder unangenehm empfunden wird. Dies ist besonders häufig der Fall in großen Menschenmengen, wie sie auf öffentlichen Plätzen vorkommen

Die Agoraphobie wird im internationalen Diagnostikmanual DSM als Symptom einer Panikstörung aufgeführt. Agoraphobie kann aber auch als eigenständige psychische Erkrankungen aufgefasst werden. Dabei wird differenziert, ob regelmäßig Panikattacken auftreten oder nicht. Ähnlichkeit besteht auch zur sozialen Phobie. Dabei wird ebenfalls vermieden, sich in Menschenmengen aufzuhalten. Allerdings bezieht sich die Angst bei einer sozialen Phobie eher darauf sich zu blamieren, bei einer Agoraphobie eher darauf, in eine Situation von Hilflosigkeit zu geraten.

Eine Agoraphobie kann auch mit Medikamenten behandelt werden. Allerdings können angstlösende Medikamente nur kurzfristig die Symptome lindern und die Krankheit nicht langfristig heilen. Deshalb ist eine Psychotherapie das Mittel der Wahl, um eine Agoraphobie zu überwinden. Zum Beispiel mit einer Verhaltenstherapie können langfristig wirksame Verhaltensstrategien erlernt und die Phobie überwunden werden.

Unsere Fachkliniken Oberberg Fachkliniken

Margraf, J., & Schneider, S. (2018). Panikstörung und Agoraphobie. In Lehrbuch der Verhaltenstherapie Band 2,  3–27. Berlin: Springer.

 

Michael, T., Blechert, J., Vriends, N., Margraf, J., & Wilhelm, F. H. (2007). Fear conditioning in panic disorder: Enhanced resistance to extinction. Journal of abnormal psychology, 116(3), 612.