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Innere Leere

Viele Menschen kennen Momente, in denen sie sich innerlich leer fühlen. In Kontakt mit anderen spüren sie kein Gefühl von Verbundenheit mehr und Aktivitäten, die vorher als angenehm empfunden wurden, machen keinen Spaß mehr. Das Gefühl der Leere ist ein komplexer, negativer emotionaler Zustand, der subjektiv unterschiedlich erlebt wird.

Wie fühlt sich Innere Leere an?

Wie sich innere Leere anfühlt, wird von Menschen unterschiedlich berichtet.

Das Gefühl beinhaltet häufig eine körperliche Komponente und kann als tiefes Gefühl der persönlichen Unerfülltheit oder Sinnlosigkeit beschrieben werden. Viele Menschen versuchen, das Gefühl der Leere mit belohnenden Aktivitäten zu füllen. Zum Beispiel durch den Konsum von Substanzen, Essen oder durch Käufe. Diese Strategien helfen häufig nur kurzfristig oder können sogar gefährlich sein, weil sie zu einer Substanzabhängigkeit führen können.

Das Gefühl der Leere ist mit anderen emotionalen Zuständen (Dysphorie, Langeweile, Einsamkeit und Taubheit) verwandt. Es ist schwer zu definieren, was innere Leere überhaupt ist. Jedoch gibt es Instrumente psychologischer Diagnostik, die dabei helfen, innere Leere zu messen.

Wissenschaftler von der California State University San Marcos entwickelten anhand veröffentlichter Literaturrecherchen zum Thema Leere und mithilfe von Patienteninterviews eine Skala, mit der das Gefühl von innerer Leere erfasst werden kann. In dieser Subjective Emptiness Scale (SES) nennen sie folgenden Gefühle als charakteristisch:

  • Das Gefühl allein zu sein in der Welt
  • Das Gefühl unerfüllt zu sein, egal was man macht
  • Das Gefühl gezwungen zu sein, zu existieren
  • Das Gefühl abgetrennt von der Welt zu sein
  • Das Gefühl in seinem eigenen Leben nicht anwesend zu sein
  • Ein Gefühl von Taubheit oder Dumpfheit

Neben diesen Kriterien werden in der Literatur zum Thema innere Leere häufig die folgenden Punkte genannt, die mit innerer Leere einhergehen oder durch die innere Leere charakterisiert ist:

  • Verlust der Fähigkeit „beim Anderen“ zu sein
  • Nichts kann mehr Bedeutung zugemessen werden
  • Aus nichts kann Motivation gezogen werden
  • Affekte sind flach, Gefühllosigkeit
  • Gefühl von Einsamkeit, auch in der Anwesenheit von anderen
  • Traurigkeit
  • Gefühl von Unvollständigkeit

Das Gefühl von innerer Leere – Ein verbreitetes Leiden

Bei Menschen mit psychischen Erkrankungen wird besonders häufig das Gefühl von Leere festgestellt. Ca. 24-36% der Menschen mit psychischen Erkrankungen leiden unter einem dauerhaften Gefühl der inneren Leere. Obwohl das Gefühl der Leere am häufigsten im Zusammenhang mit der Borderline-Persönlichkeitsstörung betrachtet wird, tritt es auch bei Depressionen, der narzisstischen Persönlichkeitsstörung und Schizophrenie-Spektrum-Störungen auf, wobei die Merkmale zwischen den verschiedenen Erkrankungen variieren können.

Auch wenn innere Leere in den offiziellen diagnostischen Manualen DSM-5 und ICD-11 nicht als Symptom einer Depression gelistet wird, ist innere Leere ein Phänomen, das in enger Verbindung mit Depressionen steht. So beschreibt der phänomenologisch-anthropologische Psychiater Jürg Zutt, dass bei einer Depression nicht die Traurigkeit im Zentrum des Erlebens stehe, sondern ein Gefühl von Leere. Die Schriftstellerin Sally Brampton, die in ihrem biographischen Buch über ihre Depressionen schreibt, beschreibt dieses Gefühl wie folgt:

„Es ist diese Glaswand, die uns vom Leben, von uns selbst trennt, die das wahrhaft Beängstigende in der Depression ist. Es ist ein schreckliches Gefühl unserer eigenen, überwältigenden Wirklichkeit, einer Wirklichkeit, von der wir wissen, dass sie nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat, die wir einmal kannten.“ (Brampton, 2008)

Das Gefühl von innerer Leere muss jedoch nicht auf eine psychische Krankheit hinweisen. Viele Menschen, die nicht psychisch erkrankt sind, erleben in bestimmten Phasen ihres Leben ein Gefühl von innerer Leere.

Ursachen

Wenn die innere Leere nicht mit einer psychischen Erkrankung auftritt, können die Ursachen ihrer Entstehung vielfältig sein. Innere Leere kann ein Zeichen für das Fehlen von Sinn und Halt im Leben sein. Da innere Leere ein sehr häufiges Phänomen ist, kann sie auch auf gesamtgesellschaftliche Ursachen zurückgeführt werden. Der französische Soziologe Alain Ehrenberg hat sich mit dem Zusammenhang von gesellschaftlichen Entwicklungen der Moderne und der zunehmenden Diagnose von affektiven Störungen beschäftigt. Er erregte mit seinen Büchern großes Aufsehen. Ehrenberg sieht in der Depression und ihren vorpathologischen Formen, zum Beispiel dem Gefühl der Leere,  eine Reaktion auf die allgegenwärtige Erwartung an die einzelne Person, das Leben selbstbestimmt zu gestalten. Eine Abnahme an direkten Zwängen und gesellschaftlichen Erwartungen führe dazu, dass Menschen unter dem Druck stehen ihren eigenen Ansprüchen der Selbstverwirklichung zu genügen. Die Möglichkeiten und die Autonomie, die das Leben bietet, werden zur Last. Sie können zu Orientierungslosigkeit, Antriebslosigkeit oder dem Verlust eines Gefühls von Sinn führen.

Was kann ich dagegen unternehmen?

Viele Faktoren, die unser Wohlbefinden einschränken, können wir nicht selbst kontrollieren. Trotzdem können uns bestimmte Methoden dabei helfen, besser mit den hohen Ansprüchen umzugehen, die wir selbst und andere an uns stellen. Stressreduktions- und Entspannungsverfahren wie Meditation, Achtsamkeit oder Yoga helfen uns dabei, besser mit Stress umzugehen. Auch gegen Einsamkeit können wir selbst etwas unternehmen. Vielen Menschen hilft es außerdem schon zu wissen, dass sie mit ihren Gefühlen und Empfindungen nicht allein sind. Wenn Gefühle wie innere Leere, Einsamkeit oder Unerfülltheit für Sie zum Alltag gehören, bedeutet das nicht, dass dies auf ihr persönliches Versagen zurückzuführen ist.  Dass diese Empfindungen von Zeit zu Zeit auftreten ist ganz normal. Zögern Sie jedoch nicht, sich bei starker Niedergeschlagenheit und Traurigkeit sowie subjektivem Leidensdruck, psychotherapeutische Hilfe zu suchen.

 

Brampton, S. (2008). Shoot the damn dog: A memoir of depression. WW Norton & Company.

D’Agostino, A., Pepi, R., Rossi Monti, M. & Starcevic, V. (2020). The Feeling of Emptiness: A Review of a Complex Subjective Experience. Harvard Review of Psychiatry, 28(5), 287–295. https://doi.org/10.1097/HRP.0000000000000269

Ehrenberg, A. (2015). Das erschöpfte Selbst: Depression und Gesellschaft in der Gegenwart. Campus Verlag.

Micali, S. (2018). Depression in der unternehmerischen Gesellschaft. In T. Fuchs, L. Iwer & S. Micali (Hg.), Das überforderte Subjekt: Zeitdiagnosen einer beschleunigten Gesellschaft (S. 80–114). Suhrkamp Verlag.

Price, A. L., Mahler, H. & Hopwood, C. (2019). Subjective emptiness: a clinically significant trans-diagnostic psychopathology construct.

Tellenbach, H. (2013). Melancholie: Problemgeschichte Endogenität Typologie Pathogenese Klinik. Springer-Verlag.

 

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