Psychosomatik im Alter

Die Oberbergklinik Berlin/Brandenburg führt 2014 mit „Psychosomatik im Alter“ einen neuen Behandlungs­schwerpunkt für das gesamte Indikations­spektrum ein. Dieser Schritt ist nicht allein in der demografischen Entwicklung begründet, sondern auch Teil der konsequenten Weiterentwicklung unseres individuellen Therapieansatzes.

1994 betrug der Anteil der über 60-Jährigen in der Gesamtbevölkerung noch 21%, 2040 wird dieser voraussichtlich bei 33% liegen. Etwa ein Viertel der über 65-Jährigen leidet an behandlungsbedürftigen, psychischen Störungen. Die psychosomatische Behandlung der älteren Patienten wird jedoch in zahlreichen Studien als gravierend unzureichend beschrieben. Ärzte, Angehörige und nicht selten die Betroffenen selbst verstehen psychische Krankheiten von Älteren häufig als unvermeidliche Begleiterscheinungen des Alterns.

Tradierte Altersbilder, vor allem Vorstellungen von Starrheit, oder Unfähigkeit respektive Unwille zum Wandel, galten für die Psychotherapie jahrzehntelang als nahezu selbstverständliches Ausschlusskriterium von Älteren. Aktuelle Altersbilder, die nicht zuletzt auch von Konsuminteressen gefördert werden, stellen uns hingegen fitte, lebensfrohe Menschen vor, die das Leben unbeschwert genießen können.

Die Oberbergkliniken nehmen seit Beginn jeden Patienten mit dessen individueller Geschichte und dem eigenen „Sosein“ an. In den letzten Jahren hat sich erfreulicherweise auch die Wissenschaft diesem Thema verstärkt gewidmet, so dass wir die Behandlung älterer Patienten jetzt auf einer empirisch gefestigten Basis anbieten können.

Blickt man über den engen Horizont der üblichen Altersbilder hinaus, zeigt sich neben soziokulturell bedingten Verschiebungen der Lebensentwürfe Älterer vor allem ein sehr heterogenes Nebeneinander von Fähigkeiten und Handicaps, (transgenerationalen) Konflikten,  unverarbeiteten Traumata, Entwicklungsaufgaben, Lösungs- und Befriedigungsmöglichkeiten. Bei Beachtung der altersbezogenen neben der störungsspezifischen Perspektive, zusammen mit der Wechselwirkung zwischen körperlichen und seelischen Symptomen, lassen sich nicht nur erschwerende, sondern auch erleichternde Faktoren für die Behandlung älterer Menschen erkennen. Selbst bei einer Verlangsamung kognitiver Prozesse  ist die Fähigkeit zur seelischen Weiterentwicklung weiterhin gegeben. Das Mehr an Lebenserfahrung  führt typischerweise zu einer kumulierten Erfahrung an Bewältigungsmöglichkeiten, zu einer erhöhten Kompromissfähigkeit zwischen dem Erwarteten und dem Erreichten, zu mehr Gelassenheit, zu Demut im Sinne einer realistischen Akzeptanz von Möglichkeiten und Grenzen, sowie zur Dankbarkeit. Viele unserer älteren Patienten fühlen sich mit einem Zitat aus Leonard Cohens „Anthem“ gut verstanden:

„Ring the bell that still can ring,
Forget your perfect offering,
There´s a crack in everything,
That`s how the light gets in.”

In der Therapie geht es neben den indikations- und altersspezifischen Ansätzen meistens darum, dass Ressourcen und Potentiale durch die Krankheit und/oder soziale Faktoren nicht mehr genutzt wurden. Dieses Nichtgebrauchen von Fähigkeiten trägt zu ihrer Verkümmerung bei. Deshalb liegt ein Schwerpunkt unserer Behandlung älterer Patienten darin, vorhandene Ressourcen durch eine gezielte Reaktivierung sowohl auf sozialem wie psychischen und körperlichem Gebiet wiederzubeleben. Dadurch werden nicht nur die verloren gegangenen Fähigkeiten ausgeglichen, sondern auch Hemmungen überwunden und neue Bewältigungsmöglichkeiten erschlossen. Das Erleben eigener Kompetenzen und einer Erweiterung des Aktionsradius stärkt das Gefühl von Selbstwirksamkeit, wodurch Ängste begrenzt,  Interessen wieder geweckt und letztlich Antrieb und Stimmung wieder normalisiert werden. Durch Achtsamkeit und Innenschau werden kreative Interessen geweckt und der eigene Lebensalltag kann im Sinne der „ansteckenden Gesundheit“ wieder selbst gestaltet werden.

Die Behandlung mit Psychopharmaka gestalten wir bei älteren Patienten besonders umsichtig, da veränderte Muster neuronaler Aktivitäten  häufig zu verstärktem Ansprechen bis hin zu paradoxen Reaktionen führen kann, und die mit dem Alter zunehmende Zahl an organmedizinisch verordneten Medikamenten das Risiko unerwünschter Wechselwirkungen erhöht.

Nicht zuletzt spielt das Einbeziehen und die Unterstützung von Angehörigen oder Bezugspersonen eine besondere Rolle vor allem für die Vorbereitung auf die Zukunft. Je nach den im Vordergrund stehenden Themen geht es dabei um Aufklärung, den Umgang mit dem Patienten einschließlich der Wahrnehmung eigener Grenzen, entlastende Hilfsmöglichkeiten oder um Ängste oder Schuldgefühle im Zusammenhang mit notwendigen Entscheidungen. Es werden kreative, an das Lebensalter angepasste Gestaltungsräume aufgezeigt und Potentiale angeregt, diese durch eigenes Handeln erfolgreich umzusetzen.

Die offizielle Einführung des neuen Behandlungsschwerpunktes fand am Mittwoch den 18.06.2014 in der Oberbergklinik Berlin/Brandenburg mit einem Vortrag von Herrn Prof. Dr. Meinolf Peters statt. Der Referent engagiert sich seit Jahren in Praxis, Forschung und Lehre für die Psychotherapie mit Älteren und ist Interessierten durch seine zahlreichen Artikel und Bücher bekannt.
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Dr. med. Peter M. Roth