Etwa 11% aller Frauen leiden im ersten Jahr nach einer Geburt an Depressionen, junge Frauen fast doppelt so häufig. Diese Form der Depression, die bei Müttern nach der Geburt ihres Kindes auftritt, wird postpartale oder postnatale Depression genannt. Meistens tritt eine postpartale Depression sechs bis acht Wochen nach der Geburt auf und wird dementsprechend als „Wochenbettdepression“ bezeichnet. Die Postpartalphase, der Zeitraum unmittelbar nach der Geburt, ist entscheidend für den Aufbau der Eltern-Kind-Beziehung und für die Entwicklung der sozial-emotional-kognitiven Fähigkeiten des Kindes. Umso wichtiger ist es, die Anzeichen einer postnatalen Depression frühestmöglich zu erkennen und die Erkrankung zu behandeln.

Symptomatik Symptome einer Wochenbettdepression

Betroffene Mütter empfinden für ein paar Tage oder Wochen nach der Geburt kein Glück, keine Freude und keine Muttergefühle. Von den behandlungsbedürftigen postpartalen psychischen Störungen sollten der nicht behandlungsbedürftige „Baby Blues“ (Stimmungsschwankungen) abgegrenzt werden, der nur wenige Stunden bis Tage andauert.

Das Erkrankungsbild einer postpartalen Depression unterscheidet sich von dem einer depressiven Episode nur durch Symptome, die thematischen Bezug zur Mutterschaft haben (z.B. Schuldgefühle der Mutter, das Kind nicht lieben zu können). Entsprechen die Symptome den Symptomen einer Depression und dauern mindestens zwei Wochen an, kann die Diagnose einer leichten bis schweren depressiven Episode mit postpartalem Beginn gestellt werden.

Folgende Symptome können bei einer Wochenbettdepression auftreten:

  • Niedergeschlagenheit und Traurigkeit
  • Innere Leere
  • Gefühlslosigkeit (z.B. Unfähigkeit zu weinen)
  • Kein Appetit
  • Keine Libido
  • Gefühl der Hilflosigkeit und Überforderung
  • Körperliche Beschwerden (z.B. Kopfschmerzen, Gliederschmerzen, Verdauungsstörungen)
  • Reizbarkeit und Aggressionen
  • Zwangsgedanken
  • Zwiespältige Gefühle dem Kind gegenüber
  • Schlafstörungen
  • Denk- und Konzentrationsstörungen
  • Antriebs- und Lustlosigkeit
  • Ängste, innere Unruhe und Panikattacken
  • Weinerlichkeit
  • Schuld- und Schamgefühle

Nicht alle Symptome müssen gleichzeitig und gleich stark ausgeprägt auftreten.

Ursachen Risikofaktoren für eine Wochenbettdepression

Es gibt sowohl biologische als auch psychosoziale Risikofaktoren für eine postpartale Depression:

Eine genetische Veranlagung (Prädisposition) für psychische Erkrankungen oder eine Vorgeschichte mit affektiven Störungen und Angststörungen steigern das Risiko zu erkranken. Auch Schwierigkeiten mit dem Partner und Schwierigkeiten mit dem eigenem Selbstwert, wenig soziale Unterstützung und ein hoher Leistungsanspruch sowie frühkindliche Störungen der Mutter zählen zu den Risikofaktoren. 

Depressionen in der Schwangerschaft, Substanzmissbrauch, eine Frühgeburt und chronische Krankheiten der Mutter können ebenso Mitauslöser einer Wochenbettdepression sein.

Verlauf Verlauf einer Wochenbettdepression

Andauernde Belastung, chronischer Schlafmangel und ständige Anforderungen auch an sich selbst nehmen während der Schwangerschaft und nach der Geburt oft unbemerkt immer mehr zu. Dass die Mutter überlastet und überfordert ist, fällt ihr und anderen oft erst recht spät auf, da der Beginn einer postpartalen Depression eher langsam und schleichend abläuft. Eine rechtzeitige Intervention wird somit erschwert. Beim Großteil der postpartalen depressiven Erkrankungen handelt es sich um Anpassungsstörungen, die durch Dauerbelastung bedingt sind. Viele betroffene Frauen berichten von dem Gefühl ihr altes Leben verloren zu haben, mit dem neuen nicht zurechtzukommen und sich nach Vergangenem zu sehnen. Wochenbettdepressionen treten meist innerhalb der ersten drei bis fünf Wochen nach der Geburt auf und dauern mehrere Wochen an. Während sie bei der Hälfte der Erkrankten bereits nach ein bis drei Monaten abklingen, ist ein Viertel über einen Zeitraum von drei bis sechs Monaten betroffen, ein weiteres Viertel noch länger.

Handelt es sich um das erste Auftreten einer depressiven Störung nach der Geburt, ist diese besonders gut behandelbar – unabhängig davon, ob rein psychotherapeutisch/medikamentös oder kombiniert therapiert wird.

Folgen Folgen einer Wochenbettdepression

Die psychische Gesundheit der Mutter hat nicht nur Einfluss auf die Stabilität der Familie, sondern auch auf die Entwicklung des Kindes. Durch die Beschwerden der Mutter wird die Beziehung zum Kind auf unterschiedliche Arten beeinflusst. Während sich einige Mütter nicht auf das Baby einlassen können und es als fremd betrachten, sehen andere es als den einzigen positiven Aspekt ihres Lebens. Andere Frauen entwickeln wiederum aggressive Zwangsgedanken dem Kind gegenüber. Sie selbst erleben sich als unnatürlich, vielleicht sogar als schlechte Mutter und leiden unter der Tatsache, dass das Kind bei ihnen so wenig positive Gefühle hervorruft. Über lange Zeiträume anhaltende Depressionen, die die Mutter-Kind-Bindung negativ beeinflussen, stellen ein erhebliches Risiko für die soziale, emotionale und kognitive Entwicklung des Kindes dar.

Behandlung Behandlung einer Wochenbettdepression

Therapiert wird i.d.R. multimodal, also sowohl medikamentös als auch psychotherapeutisch und soziotherapeutisch (soziale Unterstützung). Aufgrund möglicher Suizidalität ist bei schweren Fällen einer postpartalen Depression eventuell ein stationärer Aufenthalt notwendig.

Medikamentös therapiert wird meist mit Serotoninwiederaufnahmehemmern (Antidepressiva). Bei stillenden Müttern sollte man den Einsatz von Psychopharmaka sorgfältig abwägen und den Symptomen entsprechend anpassen. Begleitend sollte gesprächs- und gruppentherapeutisch gearbeitet werden. Zu den Therapieformen zählen die supportive und interpersonelle Psychotherapie sowie die kognitive Verhaltenstherapie. Soziotherapeutische Maßnahmen klären über die Erkrankung auf. Indem die Betroffenen verstehen, dass ihre Reaktion auf die Geburt ihres Kindes kein Einzelfall ist und spezifische Ursachen haben kann, werden Schuldgefühle gemindert. Die Mütter sollen dazu ermutigt werden, ggf. mit externer Hilfe (Eltern-Kind-Zentren und/oder Hebammen), Souveränität und Sicherheit im Umgang mit dem Kind zu erlangen. Fühlen sich Mütter vom Alltag gelangweilt, sollten sie dazu bewegt werden, mehr Zeit für sich und Freizeitaktivitäten zu nehmen.

 

Ziel einer frühzeitigen Behandlung ist es, schnellstmöglich und effektiv einer postpartalen Depression entgegenzuwirken, weil auch das Kind davon betroffen ist. Inadäquate Reaktionen der Mutter auf die kindlichen Bedürfnisse können zu vergleichbaren depressiven Verhaltensweisen beim Kind führen. Eine depressive Mutter-Kind-Interaktion kann zu Entwicklungsverzögerungen führen, die teils bis ins Schulalter andauern.

Therapie bei Oberberg Therapie einer Wochenbettdepression in den Oberberg Kliniken

In den Oberberg Kliniken für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie unterstützen wir Menschen in schweren seelischen Krisensituationen mit effizienten Behandlungskonzepten. Dabei glauben wir fest an das Zusammenwirken von Menschlichkeit, Verbundenheit und Evidenz in einer erstklassigen Umgebung, die von einer herzlichen Atmosphäre aus Achtsamkeit, Zugewandtheit, Respekt und gegenseitigem Vertrauen geprägt ist.

 

Die Behandlung einer Wochenbettdepression richtet sich nach dem Schweregrad: Dabei sollte der Einsatz antidepressiver Medikamente, einer geeigneten Psychotherapie oder Kombinationstherapie sorgfältig mit der Mutter besprochen werden und sich nach der Symptomatik richten.

Die Wirkung von Antidepressiva setzt bereits nach ein bis zwei Wochen ein und erreicht nach rund vier bis sechs Wochen meist ihre volle Stärke. Dabei achten wir stets auf eine möglichst nebenwirkungsarme Dosierung der eingesetzten Psychopharmaka.

Wichtig: Es gibt viele verschiedene erfolgreiche Psychotherapie-Ansätze. Als Oberberg-Patient können Sie mit Ihrem Therapeuten-Team immer ausführlich besprechen, welches individuelle evidenzbasierte Behandlungskonzept für Sie den größten Therapieerfolg verspricht. Allerdings sollten Sie auch immer damit rechnen, dass jede Psychotherapie ein gewisses Maß an Mitwirkung, Geduld und Durchhaltevermögen erfordert.

Wir stehen für einen offeneren Umgang mit psychischen Erkrankungen ein:

Das öffentliche Bewusstsein für psychische Erkrankungen hat sich in den vergangenen Jahren zugunsten einer aufgeklärteren Sichtweise verändert. Niemand muss sich daher schämen, seelische Probleme und psychische Beschwerden professionell behandeln zu lassen – im Gegenteil: In vielen Patientengesprächen hat sich immer wieder gezeigt, dass ein offener Umgang mit der Erkrankung eine Therapie unterstützt.

Während man noch bis vor wenigen Jahren von „Heilung“ gesprochen hat, bevorzugt die moderne Psychiatrie heute die Begriffe „Remission“ (weitgehender Rückgang von Symptomen für einen Zeitraum von mindestens 6 Monaten) und „Recovery“ (Symptomfreie „Genesung“ mit einer Normalisierung des Neuerkrankungsrisikos).

Der häufig immer noch vorherrschende Fokus auf Symptome, Beschwerden und Defizite wird in den Oberberg Kliniken durch einen ganzheitlichen Ansatz mit Blick auf supportive Faktoren (Unterstützung), Ressourcen (Fähigkeiten, „gesunde Anteile“) und insbesondere die individuelle Resilienz („Widerstandsfähigkeit“, „Stressresistenz“) ergänzt.

Ansprechpartner Hilfe bei einer Wochenbettdepression - Sie können sich jederzeit an uns wenden!

Sie möchten mehr Informationen zu unserem Behandlungsangebot, zur Ausstattung in den Kliniken oder zum Tagesablauf in einer unserer Kliniken? Zögern Sie bitte nicht, Kontakt mit uns aufzunehmen. Sie erreichen uns unter der Telefonnummer  0800 5577330 (gebührenfrei). Außerhalb Deutschlands wählen Sie bitte  +49 30 20867301-0. Wenn Sie einen Rückruf für ein persönliches Gespräch vereinbaren möchten, füllen Sie bitte das Kontaktformular aus. Wir werden uns umgehend bei Ihnen melden, um Ihre Fragen zu beantworten und alle notwendigen weiteren Schritte zu besprechen.

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Oberberg Tagesklinik Lörrach
Georges-Köhler-Straße 2
79539 Lörrach
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Tel. 0800 5577330
Mehr Informationen

Anderssen-Reuster, U. & Mora, E. (2018). Wie Bindung gut gelingt: Was Eltern wissen sollten. Stuttgart: Klett-Cotta.

 

Brisch, K. (2019). Familien unter Hoch-Stress: Beratung, Therapie und Prävention für Schwangere, Eltern und Säuglinge in Ausnahmesituationen. Stuttgart: Klett-Cotta.

 

Dorsch, V. & Rohde, A. (2016). Postpartale psychische Störungen – Update 2016. Frauenheilkunde up2date, 10(4), 355–374. DOI: 10.1055/s-0042-112631

 

Ludwig-Körner, C., Kuchinke, L., Koch, G., Mattheß, J. & Eckert, M. (2018). Eltern-Säuglings-Kleinkind-Psychothrapie auf dem Prüfstand. Psychotherapeutenjournal,4, 321–436. skkippi.ipu-berlin.de/fileadmin/downloads/skkippi-ptj-4-2018.pdf

 

Müller, T. (2019). Jede achte Frau nimmt nach der Geburt Antidepressiva. gynäkologie + geburtshilfe, 24(1), 14. link.springer.com/content/pdf/10.1007/s15013-019-1636-x.pdf