Digitalisierung der Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik

­­Es stellt sich nicht die Frage wann oder ob die Digitalisierung der Medizin kommt, denn sie ist bereits in vollem Gange - auch im Fach der Psychiatrie und Psychotherapie. Sie reicht von internetbasierten, psychologischen Interventionen hin zu Anwendungen der künstlichen Intelligenz, Augmented- oder Virtual Reality.

Derzeit gibt es verschiedenste Prognosen, welche vorhersagen, dass bisher von Menschen ausgeführte Tätigkeiten durch Computer oder Maschinen ersetzt werden. So erscheint die Übersetzung von Sprachen in fünf Jahren oder das autonome Fahren in nicht einmal zehn Jahren, in greifbarer Nähe.

Möglicherweise können in den zweitausend fünfziger Jahren chirurgische Tätigkeiten primär durch Roboter erledigt werden. Die Tätigkeiten von Fachärzten für Psychiatrie und Psychotherapie sowie von Psychologischen Psychotherapeuten erscheint heute wenig ersetzbar durch Maschinen und Computer, aber wie lange bleibt das so? Bereits heute hat ein vollautomatisierter Chatbot via Smartphone seine Wirksamkeit bei der Verbesserung von depressiven- und Angstsymptomen bei Jugendlichen bewiesen. Spezifische Apps für diverse psychische Erkrankungen oder auch internetbasierte Psychotherapie-Interventionen haben in zahlreichen kontrollierten wissenschaftlichen Studien ihre Wirksamkeit bestätigt. Sogenannte "Serios Games" können ebenfalls in der Therapie wirksam eingesetzt werden. So zeigte in einer kürzlich veröffentlichten Arbeit die Anwendung des Spiels "Tetris" kurz nach einem traumatischen Ereignis, dass damit die Entwicklung von posttraumatischen Symptomen verhindert werden kann.

Die Digitalisierung schreitet also machtvoll voran. Dennoch ist davon auszugehen, dass persönliche und individuelle Therapie sowie Beziehungsgestaltung im direkten persönlichen Kontakt mit dem Arzt oder Psychologen für die Genesung essentiell und wichtig sind. In Zukunft werden mit Sicherheit die verschiedensten Anwendungen digitalisierter Medizin unserer heutigen therapeutischen Konzepte im ambulanten, teilstationären und stationären Bereich (vor-und nachstationär) im Sinne des Blended Care unterstützend helfen.

Das bedeutet konkret für die Oberbergkliniken, dass wir Möglichkeiten schaffen werden, mit unseren Klienten vor, nach und während des stationären Aufenthaltes intensiv in Kontakt sein und die Therapien noch besser an die individuellen Bedürfnisse anpassen zu können.

Priv.-Doz. Dr. med. Andreas Wahl-Kordon,
Ärztlicher Direktor der Oberbergklinik Schwarzwald