Depression im Alter

Depressionen im höheren Lebensalter gehören mit zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. Oft werden sie nicht erkannt und unzureichend behandelt. Dabei sind die Erfolgs­aussichten bei einer individuellen, auf die Bedürfnisse des Patienten abgestimmten Behandlung so gut wie bei jüngeren Patienten. Notwendig hierfür ist eine Veränderung der therapeutischen und gesellschaftlichen Grundhaltung - weg vom Defizitmodell hin zu einem Modell der Neuroplastizität und Entwicklungspotentiale auch im Alter.

Der folgende Beitrag soll auf die Notwendigkeit und die Chancen einer adäquaten Diagnostik und Therapie von Depressionen im Alter hinweisen und dem teilweise immer noch vorhandenen Vorurteil entgegenwirken, dass Therapie und Veränderungen bei älteren Patienten nicht mehr möglich seien.

Häufigkeit
Depressionen sind die zweithäufigste psychische Erkrankung im Alter. Etwa 25 bis 30 Prozent der älteren Menschen sind davon betroffen. Frauen leiden häufiger darunter als Männer. Die Depression des älteren Mannes ist oft auch mit Sucht, vor allem Alkohol, verbunden. Voll ausgebildete „majore“ Depressionen scheinen mit ca. 10% etwas seltener als bei jüngeren Patienten zu sein. Befindlichkeitsstörungen und leichtere subdiagnostische depressive Syndrome, die für die Betroffenen eine relevante Beeinträchtigung darstellen, sind das primäre Erscheinungsbild von Depressionen im Alter. Häufig werden diese unter „normale“ Alterungsprozesse eingeordnet und als nicht behandelbar angesehen. Bei Patienten mit körperlichen Begleiterkrankungen oder Behinderungen ist die Prävalenz von Depressionen ebenfalls erhöht. Dies erklärt Ergebnisse von Untersuchungen, die höhere Prävalenzraten von bis zu 50% an Depressionen in stationären Langzeiteinrichtungen, wie z.B. Pflegeheimen, finden. Im Vergleich hierzu liegen die Depressionsraten bei Personen, die selbstständig im eigenen sozialen Umfeld leben, deutlich niedriger.

Diagnostik
Depressionen im Alter werden oft nicht erkannt, weil häufig depressive Symptome als normale Begleiterscheinungen des Alters oder als Lebenskrisen verkannt werden. Die Vorstellung eines Defizitmodells, dass das Älterwerden durch einen kontinuierlichen Verlust an körperlichen, geistigen und psychischen Fähigkeiten gekennzeichnet ist, beherrscht teilweise heute noch die Alltagspraxis in der Behandlung von älteren Menschen. Dieses vorwiegend negative Altersbild hat Auswirkungen auf das gesellschaftliche Bild des Alterns und auf das Selbstbild älterer Menschen. Bei diesen führt es nicht selten dazu, dass Veränderungen im Prozess des Älterwerdens von Patient und Arzt als unabänderlich angesehen werden. Hinzu kommt, dass die Scham und das Stigma, psychisch erkrankt zu sein, bei älteren Patienten immer noch stark ausgeprägt sind. Ältere Patienten sprechen nicht über ihre psychischen Beschwerden und verstecken diese hinter körperlichen Symptomen, die bei depressiven Störungen begleitend auftreten können.

Wichtig ist es daher, gezielt nach depressiven Symptomen wie Stimmungstief, Antriebslosigkeit, Schlafstörungen, oder Unruhe zu fragen. „Haben Sie sich in der letzten Zeit niedergeschlagen, deprimiert oder hoffnungslos gefühlt? Haben Sie in letzter Zeit gemerkt, dass Sie wenig Interesse oder Freude an dem hatten, was Sie taten? Hatten Sie Gedanken, sich etwas anzutun?

Fragebogen Geriatrische Depressionsskala (GDS)
Fragebögen, z.B. die Geriatrische Depressionsskala GDS (Yesavage et al. 1983), sind einfach anzuwenden und können den diagnostischen Prozess unterstützen. Ergeben sich aus den klinischen Befunden oder aus dem Ergebnis des Fragebogens Hinweise auf eine Depression, sollte ein entsprechender Spezialist, Psychiater oder Psychotherapeut, hinzugezogen werden. Die GDS ist einfach anwendbar und kann als PDF abgerufen werden: download Fragebogen

Erschwerend bei der Diagnostik kommt hinzu, dass Symptome einer Depression auch Hinweise auf eine Demenz sein können. Konzentrations- oder Gedächtnisstörungen können im Rahmen einer Depression als depressive Pseudodemenz auftreten oder auch Hinweise auf  eine Demenz sein. Die Abgrenzung ist in einer akuten depressiven Phase nicht einfach und nicht immer möglich, wobei depressive Patienten eher über subjektiven Leidensdruck berichten, während Patienten mit dementiellen Erkrankungen ihre Beschwerden häufig bagatellisieren.

Ursachen
Depressionen im Alter sind multifaktoriell bedingt. Neben den Veränderungen der Neurotransmitter im Gehirn, vor allem des Serotonins, sind Depressionen des älteren Menschen häufiger durch körperliche Erkrankungen und psychosoziale Faktoren mitbedingt. Der Verlust von nahen Angehörigen, Freunden sowie der Verlust des beruflichen Umfeldes und der beruflichen Kompetenz und die hierdurch bedingte Einsamkeit sind wichtige psychosoziale Faktoren. Frühe seelische Traumatisierungen, z.B. bedingt durch Kriegserlebnisse, spielen gerade bei der heute älteren Generation eine nicht unerhebliche Rolle bei der Entwicklung von psychischen Störungen im Alter.

Körperliche Erkrankungen mit lang anhaltenden Schmerzen und Beschwerden können zu einem Gefühl der „Hilflosigkeit“ und „Aussichtslosigkeit“ führen.

Medikamente,  z.B. Schlaf- und Beruhigungsmittel, Schmerzmittel oder Herz-Kreislauf-Medikamente, können Depressionen auslösen und verstärken. Die Wechselwirkung zwischen somatischern und psychischen Erkrankungen ist für den Behandlungsverlauf beider Erkrankungen von hoher Relevanz. Die Wahrscheinlichkeit einer Depression erhöht sich beim Auftreten von schweren körperlichen Erkrankungen. Das Auftreten einer Depression wird wiederum als ungünstigerer Verlauf einer körperlichen Erkrankung bewertet. Daher ist eine frühzeitige Diagnostik und Behandlung von Depressionen, z.B. bei Herzinfarkt oder Schlaganfall, dringend indiziert. Eine frühzeitige Remission von Depressionen bei Schlaganfall verbessert die Prognose des Behandlungsverlaufs der körperlichen Erkrankung.

Psychotherapeutische Behandlungsmöglichkeiten – Alter als Entwicklungschance
Unser Gehirn ist bis ins hohe Alter entwicklungs- und lernfähig. Ergebnisse der Hirnforschung belegen, dass die  Wachstumspotentiale des Gehirns über die gesamte Lebensspanne vorhanden sind – gerade wenn neue Herausforderungen gestellt werden. Gelingt es Menschen, ihre „emotionalen“ Zentren zu aktivieren und sich für Aufgaben und Prozesse zu „begeistern“, so werden neuronale Netzwerke im Gehirn aktiviert und ausgebaut.

Umso erstaunlicher ist es, dass Psychotherapie im höheren Lebensalter immer noch unterschätzt und kaum in Anspruch genommen wird. Viele psychisch kranke Menschen scheuen sich, zu einem Psychiater oder zu einem Psychotherapeuten zu gehen. Neben dem mangelnden Glauben an die Veränderungsmöglichkeiten und die eigenen Potentiale des Gehirns ist die Stigmatisierung psychischer Erkrankungen bei älteren Menschen deutlich höher als bei jüngeren. Gerade in der älteren Generation verhindern Scham und Schuldgefühle sowie die Angst, psychisch erkrankt zu sein oder als „verrückt“ abgestempelt zu werden, häufig eine adäquate Behandlung. Dies erklärt, warum über 60-Jährige in deutlich geringerem Umfang und über 70-Jährige praktisch nicht mehr psychotherapeutisch behandelt werden. Trotz des hohen Bedarfs werden in Deutschland nur ca. 1,5% der über 60jährigen psychotherapeutisch behandelt.

Dringend notwendig ist eine Veränderung unseres Altersbildes, welches lange Zeit von einem „Defizitmodell“ oder von der „Restlebenszeit“ geprägt war, zu einem Modell der Veränderungsmöglichkeiten und Entwicklungspotentiale auch im Alter. Die Vorstellung, dass Herausforderungen im Alter aktiv gestaltet werden können und das Gehirn im Sinne der Neuroplastizität sich auf die Anforderungen des Älterwerdens einstellen und sogar aktiv gestalten kann, ist noch zu wenig verbreitet. Außerdem verfügen Ältere über vielfältige, positive Lebenserfahrungen und Bewältigungsstrategien, die ihnen helfen können, mit Verlusterlebnissen akzeptierend und gestaltend umzugehen. Diese können im Rahmen einer depressiven Episode zwar kurzfristig verloren gehen, aber durch eine gestaltende Psychotherapie wiederentdeckt und erlebt werden.

Notwendig hierfür sind ein Innehalten und eine aktive Innenschau, die einen erneuten Zugang zu Ressourcen und Potentialen auch im Alter ermöglicht. Gelingt es, die eigene emotionale Begeisterungsfähigkeit wiederzuentdecken, so können im Gehirn im Sinne der Neuroplastizität neue Wege gebahnt werden. Gemeinsam mit dem Respekt vor der eigenen Lebensleistung und den erworbenen Fähigkeiten stellt der neue Zugang zum eigenen emotionalen Profil eine wichtige Basis für eine aktive Gestaltung des Lebensalltags und für ein „erfolgreiches“ Altern dar. Veränderungen im Alter gehen zwar mit Verlusterlebnissen einher, jedoch kann ein aktiver Umgang im Sinne der Neuroplastizität lebendig gestaltet und als Entwicklungschance angesehen werden.

Die Therapie der Oberbergkliniken fördert den hierfür notwendigen Zugang zur individuellen Lebensgeschichte und zum emotionalen Profil jedes Einzelnen und ermöglicht so eine (Wieder-) Entdeckung und Entfaltung verborgener und verschütteter Potentiale. Die Patienten lernen Veränderungen wahr- und anzunehmen. Im Rahmen der Therapie mit Fokus auf das individuelle emotionale Profil gelingt es, einen neuen und lebendigen Umgang mit den Herausforderungen des Alterns zu entwickeln. Durch die therapeutische Arbeit werden Ängste vor Veränderungen und Verlusten sichtbar, und damit wird aktiver Umgang ermöglicht. Der Prozess des Älterwerdens wird aus der Sackgasse des Abbaus und Defizits in die Möglichkeit der Gestaltung gerade dieser Veränderungsprozesse hineingeführt. Auch hier gelten die Prinzipien der Salutogenese und Resilienz, die einen aktiven und lebendigen Umgang mit dem eigenen Lebensalltag und der eigenen Gesundheit ermöglichen.

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Dr. med. Peter M. Roth