21.04.2021

Online-Vortragsreihe „Die Pandemie und ihre Auswirkungen auf unsere Psyche“ der Oberberg Gruppe: „Psychisch krank durch die Pandemie? Zwischen Bagatellisierung und Panikmache“

Die Online-Vortragsreihe „Die Pandemie und ihre Auswirkungen auf unsere Psyche" der Oberberg Gruppe wurde am Mittwoch, 7. April 2021, mit dem Vortrag von PD Dr. phil. Lars P. Hölzel (Wiesbaden/Frankfurt) fortgeführt. In seinem Referat ging er darauf ein, dass die psychischen Auswirkungen bei unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen, aber auch interindividuell und im Zeitverlauf der Pandemie deutlich divergieren. Die anschließende Diskussionsrunde leitete Prof. Dr. Thomas Ehring (München).

Die Veranstaltungen der Online-Vortragsreihe finden bis zum 16. Juni 2021 im vierzehntägigen Turnus jeweils mittwochs von 18:30 bis 20:00 Uhr live über Zoom statt. 2 CME-Punkte pro Teilnahme werden von der Ärztekammer Berlin anerkannt. Alle Vorträge der Veranstaltungsreihe werden jeweils im Nachgang von der Oberberg Gruppe auf YouTube eingestellt (https://www.youtube.com/watch?v=leBswAHy4cU). Alle Termine sind auf der Webseite der Oberberg Gruppe zu finden (https://www.oberbergkliniken.de/veranstaltungsreihe-pandemie-und-psyche). 


Priv.-Doz. Dr. phil. Lars P. Hölzel ist Leitender Psychologe und Wissenschaftlicher Leiter der Oberberg Parkklinik Wiesbaden Schlangenbad und der Oberberg Tagesklinik Frankfurt am Main. Seine klinischen Spezialgebiete sind die Behandlung von depressiven und stressbedingten Störungen, zudem ist er wissenschaftlich insbesondere in der Versorgungsforschung aktiv.

 

Für seine Ausführungen zu den Divergenzen der psychischen Auswirkungen zieht der Experte das Konzept der psychischen Grundbedürfnisse nach Grawe hinzu. Daraus lassen sich auch Empfehlungen ableiten, wie man in Pandemiezeiten psychisch gesund bleibt bzw. wie Neuerkrankungen und Verschlechterungen bestehender psychischer Erkrankungen verhindert werden können.

 

Gestützt wird die Analyse des psychologischen Psychotherapeuten von aktuellen Studien. Fast sechshundert Teilnehmer verfolgten den Vortrag und konnten am Ende Fragen an den Referenten stellen. Moderiert wurde die Diskussionsrunde von Prof. Dr. Thomas Ehring (München). 

 

Einfluss der Pandemie auf die Psyche 
„Der Psychiater Vikram Patel von der Harvard Medical School warnte schon früh vor einem Tsunami psychischer Erkrankung, der in Folge des pandemischen Geschehens über uns hereinbrechen würde“, führte der Experte in seinen Vortrag ein. Die Belastungsfaktoren, die sich in Pandemiezeiten auf die Psyche auswirken können, sind vielfältig.

 

Sie reichen von der erlebten Bedrohung (z. B. Angst vor einer Erkrankung, Sorge um nahestehende Personen) über die Belastung durch die Infektionsschutz-/Hygienemaßnahmen (bspw. fehlende zwischenmenschliche Kontakte, der Wegfall von Freizeitaktivitäten, die Schließung von Kindergärten und Schulen) bis zu gesellschaftlichen und sozialen Folgen (u. a. „Social Pressuring“ durch ungewohnte/ununterbrochene Nähe, Angst vor gesellschaftlicher Spaltung). 

 

Die LORA-Resilienzstudie zeigt für die erste Welle der Pandemie, dass die Mehrheit der Studienteilnehmer mit den pandemiebedingten psychischen Belastungen gut zurechtkommt. Bei ihr nahmen die Alltagssorgen sogar von Woche zu Woche ab. Bei einer Subgruppe von Studienteilnehmern nahm die Belastung im Lauf des Lockdowns allerdings signifikant zu.

 

Weiteren Studien zufolge sind psychisch Erkrankte, Alleinerziehende, Beschäftigte im Gesundheitswesen und jüngere Menschen höheren Belastungen ausgesetzt bzw. haben tendenziell ein höheres Risiko, mit den Belastungen durch die Pandemie schlechter zurechtzukommen.   

 

Verhältnis- und Verhaltensprävention 
Die vorbeugenden Maßnahmen lassen sich in Verhältnis- und Verhaltensprävention unterteilen. Zur Verhältnisprävention gehört die Schaffung gesundheits- und sozialpolitischer Rahmenbedingungen, um den pandemiebedingten Belastungen der Bevölkerung zu begegnen.

 

Die Verhaltensprävention setzt auf den Aufbau günstiger Verhaltensweisen durch Information, Psychoedukation, Beratung und Hilfsangebote. Günstige Verhaltensweisen wären z. B. die Pflege sozialer Kontakte per Telefon, die Teilnahme an kulturellen Veranstaltungen über Online-Medien, aber auch ein strukturierter Tagesablauf mit festen Zeiten für Schlaf, Sport und Essen.  

 

Im letzten Teil des Vortrags sprach Dr. Hölzel über die Versorgung manifester psychischer Erkrankungen. Als wichtige Beiträge der Routineversorgung nannte er die Behandlungsketten aufrechtzuerhalten, sichere Therapie unter Pandemiebedingungen zu ermöglichen und sich für einen erhöhten Bedarf zu wappnen.  Die „Take-home-Message“ von PD Dr. phil. Lars P. Hölzel: „Die Pandemie geht mit allgemeinen Belastungen einher. Der Tsunami, der zu Beginn erwähnt wurde, zeichnet sich empirisch bis jetzt nicht ab, die überwiegende Mehrheit kann bislang gut mit den Belastungen umgehen.“

 

Weiter führte er aus, dass der pandemiebedingte psychische Risikozustand die Entwicklung neuer Störungen begünstigen könne. Die Konsistenztheorie sei ein gutes Modell, um zu klären, welche Menschen besonders betroffen sind, und um Interventionsebenen abzuleiten. Zudem gebe es eine Subgruppe, die sehr stark von der Pandemie betroffen sei, wie psychisch erkrankte Menschen. Diese solle man sehr in den Fokus nehmen, um schlimme Verläufe abwenden zu können.  

 

Den nächsten Vortrag können Interessierte bereits heute Abend (21. April 2021) um 18:30 Uhr verfolgen. Dann referiert Dr. Tobias Freyer, Ärztlicher Direktor der Oberberg Parkklinik Wiesbaden Schlangenbad und der Oberberg Tagesklinik Frankfurt am Main, zum Thema „Was schützt vor den psychischen Auswirkungen der Pandemie? Möglichkeiten von Verhältnis- und Verhaltensprävention“. Den daran anschließenden Austausch moderiert Prof. Dr. Mathias Berger (Freiburg).