Es ist gut, wenn wir manchmal Angst haben. Denn Angst ist eine zuverlässige Begleiterin, die unser Überleben sichern und uns vor Schäden bewahren kann. Es ist jedoch belastend, wenn wir in völlig unbegründeten Situationen Angst empfinden und wenn diese Angstzustände unser Tun und Handeln lähmen und zu einer Dauerbelastung werden.

Symptome und Beschwerden Wie Sie erkennen, dass Sie an einer Angststörung erkrankt sind

Wenn Ängste in bestimmten Situationen unbeherrschbar werden oder Sorgen und Ängste Ihr Leben dominieren und dabei häufig „aus dem Nichts“ in Form von Angst- oder Panikattacken auftreten, kann es sich mit höchster Wahrscheinlichkeit um eine Angststörung oder Angsterkrankung handeln – zu denen auch Phobien gezählt werden. Die Angststörungen gehören neben Depressionen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. 

Bevor ich hierher nach Hornberg kam, fühlte ich mich als Totalversager – dabei hatte ich einfach bloß eine panische Angst vor Menschen entwickelt. Nach meiner stationären Therapie habe ich ambulant weitergemacht und noch ungefähr ein Jahr lang Antidepressiva genommen. Haute kann ich mich wieder mit Leuten unterhalten, sogar mit Fremden.
Peer-Hinrich C.
37 Jahre, ehemaliger Patient der Oberberg Fachklinik Schwarzwald

Die „Angst vor der Angst“ verlieren

Bleibt eine Angststörung unbehandelt, kommt es leider häufig zur Chronifizierung der Angstzustände, was mit großen Einschränkungen und zunehmenden Belastungen einhergehen kann. Zumeist entwickelt sich eine „Angst vor der Angst“, die sich stetig verstärkt.

Diese „Erwartungsangst“ hat sehr oft schwerwiegende Folgen:

  • Rückzug in die eigenen vier Wände, soziale Isolation (Vermeidungsverhalten)
  • drohender Arbeitsplatzverlust
  • Probleme in der Partnerschaft
  • Gefahr von Abhängigkeitserkrankungen ("Selbsttherapie")
  • Scham, verringertes Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen
  • erhöhtes Risiko, zusätzlich an einer Depression zu erkranken

Angststörungen lassen sich in der Regel jedoch sehr gut durch geeignete Psychotherapien behandeln. Die meisten Betroffenen verlieren ihre „Angst vor der Angst“ und verhindern oder durchbrechen damit den Teufelskreis von Vermeidungsverhalten. Sollten die Ängste dennoch sporadisch erneut auftreten, erreichen wir häufig mit nur wenigen weiteren Sitzungen („Booster“) und der selbstständigen Anwendung von förderlichen Denk- und Verhaltensweisen rasch einen Rückgang der Krankheitssymptome (Remission). 

Die Angststörung in Verbindung mit anderen seelischen Erkrankungen

Angststörungen gehören neben Depressionen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. Nicht selten wird eine Depression durch eine Angststörung sogar ausgelöst – oder umgekehrt. 

 

Frauen sind von einer Angststörung häufiger betroffen als Männer

Mindestens zehn bis 15 Prozent der Deutschen haben im Laufe ihres Lebens einmal mit einer Angststörung bzw. einer Panikstörung, einer generalisierten Angststörung oder Phobien und den negativen Folgen dieser Erkrankungen zu kämpfen (Lebenszeitprävalenz). Die Dunkelziffer dürfte allerdings noch höher liegen. Die meisten Betroffenen entwickeln die typischen Symptome einer Angststörung im Alter zwischen 20 und 30 Jahren. Der Anteil der Frauen, die an Angst- und Panikstörungen leiden, ist dabei ungefähr doppelt so hoch wie die Zahl der männlichen Betroffenen. 

Die häufigsten Angststörungen Ab wann sind Angstzustände krankhaft?

Angst zu haben ist zunächst einmal etwas ganz Normales. Denn (ein wenig) Angst hat jeder: die einen vor dem Fliegen, die anderen im Wald; manche laufen sogar lieber 20 Etagen zu Fuß, anstatt den Fahrstuhl zu benutzen, andere ekeln sich enorm vor Spinnen oder versuchen alles, um keine Rede vor Publikum halten zu müssen. 
 

Zu den vier bekanntesten und häufigsten Angststörungen zählen:

Eine Soziale Phobie ist die extreme Form einer meist sekundären, das heißt erworbenen, Schüchternheit. Die Betroffenen entwickeln in Situationen Angst, in denen sie von ihren Mitmenschen kritisch betrachtet oder beobachtet werden könnten, wenn sie im Mittelpunkt stehen müssen und alle Blicke auf sie gerichtet sind.

Dazu gehören:

  • Reden vor Publikum zu halten
  • vor anderen Menschen ein Gedicht aufzusagen oder zu singen
  • sich aktiv am Unterricht zu beteiligen (sich melden) oder vor der Klasse (oder vor Arbeitskollegen) etwas an die Tafel bzw. ein Flipchart schreiben zu müssen 
  • an mündlichen Prüfungen teilzunehmen
  • notwendige Behördengänge, Arztbesuche zu erledigen
  • Gespräche mit Vorgesetzten oder Diskussionen (Streitgespräche) zu führen
  • im Restaurant zu bestellen oder auch in der Öffentlichkeit zu essen
  • im Beisein anderer Menschen zu telefonieren
  • fremde Menschen anzusprechen, kennenzulernen, Verabredungen zu treffen

Werden die Betroffenen einer Sozialen Phobie mit einer oder mehreren solcher Situationen konfrontiert, reagieren sie typischerweise mit körperlichen bzw. psychosomatischen Symptomen wie Erröten, Zittern, extrem starkem Lampenfieber, Übelkeit (Angst zu Erbrechen) oder dem heftigen Drang, eine Toilette aufsuchen zu müssen. 

 

Soziale Phobien entwickeln sich häufig im Kindesalter

Menschen, die an einer Sozialphobie leiden, versuchen deshalb, solchen Situationen möglichst aus dem Weg zu gehen. Dafür legen sie sich persönliche Vermeidungsstrategien zurecht. Sie ziehen sich häufig zurück und laufen so Gefahr, in die soziale Isolation zu gleiten. 

 

Eine Sozialphobie beginnt häufig bereits in der Kindheit oder in der Jugend. Ihren Höhepunkt erlebt diese Form der Angsterkrankung dann zwischen dem 20. und dem 35. Lebensjahr. Danach können die Symptome der Sozialen Phobie sich auch ohne Therapie bessern oder sogar gänzlich verlieren; andererseits können sozialphobische Symptome nach besonderen (z. B. „Beförderung“) oder belastenden Lebensereignissen (z. B. Trennung) erneut auftreten, was dann häufig eine Wiederaufnahme der Therapie erforderlich macht. 

 

Eine familiäre Häufung der Sozialen Phobien kann nach den Ergebnissen zahlreicher Studien angenommen werden (wie überhaupt bei den meisten Angststörungen), wobei genetische Aspekte von erzieherischen Faktoren (etwa ein „überfürsorgliches“ Elternhaus) schwer zu trennen sind. Eine genetische Disposition ist insbesondere für die Zwangsstörung gesichert. 

Bei einer Panikstörung leiden die Betroffenen unter immer wiederkehrenden, zum Teil schweren Angstanfällen („paroxysmale Angst“) mit ausgeprägten körperlichen und psychischen Symptomen.

 

Körperliche bzw. psychosomatische Symptome einer Panikstörung:

  • Atemnot, Benommenheit
  • Taubheits- oder Kribbelgefühle
  • „weiche Knie“, Schwindel, Zittern, Beben
  • starkes Herzklopfen, unregelmäßiger Herzschlag 
  • Schmerzen, Druck oder Enge in der Brust
  • Schwitzen, Hitzewallungen oder Kälteschauer
  • Übelkeit, Bauchbeschwerden

Psychische Symptome einer Panikstörung:

  • Unsicherheit
  • Angst, bewusstlos zu werden
  • Atemnot, Erstickungsangst, Engegefühl im Hals 
  • Angst, im nächsten Moment zu sterben
  • Angst, die Kontrolle zu verlieren
  • Entfremdungsgefühle („Das kann nicht sein!“ – „Ich bin ganz woanders, nicht hier!“)
  • Angst, wahnsinnig zu werden

Panikattacken kündigen sich nicht an

Panikattacken treten immer überraschend auf, sogar in entspannten Situationen wie beim Fernsehen oder beim Dösen auf der Couch. Die Dauer einer Panikattacke schwankt zwischen wenigen Minuten und mehreren Stunden, im Durchschnitt hält ein solcher Anfall etwa eine halbe Stunde an. 

 

Auch die Häufigkeit der Panikattacken ist unterschiedlich: Sie können mehrmals am Tag, aber auch nur einmal im Monat auftreten. Doch die Betroffenen leben zunehmend in der Sorge (der Angst) vor dem nächsten Panikanfall. Viele von ihnen befürchten, lebensbedrohlich – etwa an der Schwelle zum Herzinfarkt – erkrankt zu sein, und suchen immer wieder Ärzte oder eine Notfallambulanz auf. Es gibt vereinzelte Berichte von Patienten mit schweren Panikstörungen, die vor einem Umzug darauf geachtet haben, dass ihr neues Zuhause sich in der Nähe von niedergelassenen Ärzten oder einem Krankenhaus befindet.

 

Agoraphobie („Platzangst“) ist der häufigste Auslöser von Panikattacken

Rund zwei Drittel aller Panikattacken werden durch eine Agoraphobie („Platzangst“) ausgelöst. Die Betroffenen fürchten sich vor bestimmten Situationen oder Orten. Dabei handelt es sich um Plätze, an denen es schwierig wäre, Hilfe herbeizuholen, oder um Situationen, aus denen die Betroffenen nicht schnell genug herauskommen würden und eine Panikattacke (wahrscheinlich) peinliches Aufsehen erregen würde. 

 

Orte und Situationen, die eine Agoraphobie begünstigen:

  • Menschenmengen, lange Warteschlangen, aber auch Kino- oder Theatersäle 
  • belebte öffentliche Plätze
  • Reisen zu weit entfernten Zielen, Alleinreisen
  • Fahrstühle
  • öffentliche Verkehrsmittel 
  • Flugzeuge, aber auch Autos

In schweren Fällen gelingt es den Betroffenen kaum noch, ihr sicheres und gewohntes Umfeld zu verlassen, schon gar nicht allein. Die Erkrankung bindet sie zunehmend an ihre vier Wände – eine komplette soziale Isolation ist dann nur noch eine Frage der Zeit. Dies hat häufig negative Auswirkungen auf eine effiziente ambulante Therapie, da die Patienten den Weg zum Therapeuten scheuen.

Eine generalisierte Angststörung ist nicht auf bestimmte Situationen oder Orte beschränkt, sondern umfasst zahlreiche Bereiche des Lebens. Die Angst tritt für Außenstehende in den meisten Fällen grundlos auf. Die generalisierte Angststörung („frei flottierende Angst“) äußert sich oft auch in der Sorge um nahestehende Menschen, denen reale Gefahren wie Unfälle oder schwere Erkrankungen drohen könnten. Ein weiteres typisches Merkmal einer generalisierten Angststörung ist das Gefühl oder das Heraufbeschwören einer nahenden Katastrophe. 

 

Der Unterschied zwischen der generalisierten Angststörung und einer Panikstörung 

Die Krankheitssymptome einer generalisierten Angststörung äußern sich im Gegensatz zu einer akuten Panikstörung nicht alle gleichzeitig in einem plötzlichen Anfall, sondern verteilen sich in mehr oder weniger heftigen Dosen über den ganzen Tag.
Die Betroffenen leiden so abwechselnd unter psychosomatischen Symptomen wie:

  • Herzrasen 
  • Ruhelosigkeit und Zittern
  • Schwitzen
  • kalte und feuchte Hände
  • Mundtrockenheit, „Kloß im Hals“
  • latente Übelkeit
  • Muskelverspannungen, vor allem im Bereich der Halswirbel, Schultern und Bandscheiben

Ihre chronischen Sorgen bzw. Ängste führen dazu, dass die Betroffenen zunehmend Dinge, zum Beispiel Reisen, vermeiden oder aufschieben. 

Die generalisierte Angststörung wird nicht selten mit einer Depression verwechselt. Sie entwickelt sich zumeist um das 30. Lebensjahr herum und kann unbehandelt durchaus bis ins hohe Lebensalter andauern; auch das unterscheidet sie von der Panikstörung.
 

Spezifische Phobien gehören zu den häufigsten Angststörungen. Ihre Folgen sind zwar unangenehm und manchmal auch sehr lästig (Fernreisen und Flugangst sind nun einmal nicht kompatibel), aber sie besitzen zumeist keine entscheidenden Auswirkungen auf das Leben der Betroffenen.
 
Spezifische Phobien zeichnen sich dadurch aus, dass die Furcht bzw. die Angst durch einzelne Objekte oder Situationen hervorgerufen werden, die im Grunde relativ ungefährlich oder harmlos sind, zum Beispiel:

  • Furcht vor Tieren (Hunde, Katzen, Mäuse), vor allem aber vor Schlangen und Spinnen  (Arachnophobie) oder vor Insekten wie Wespen 
  • Höhenangst (Akrophobie)
  • Blut- und Verletzungsphobie („Spritzenangst“, Angst vor einer zahnärztlichen Behandlung)
  • Flugangst

Dabei hilft es den Betroffenen nicht, dass andere Menschen durch dieselbe Situation keine Angst (oder Ekel) empfinden (und sich manchmal sogar lustig machen). Die Betroffenen wissen zumeist selbst, dass sie übertrieben reagieren, schämen sich für ihr Verhalten und versuchen krampfhaft, Haltung zu bewahren.

 

Frauen sind häufiger als Männer von spezifischen Phobien betroffen. Ihre Gruppe bildet beispielsweise 75 bis 90 Prozent der Patienten mit Tierphobien. Hier finden Sie eine Liste mit vielen Hundert bekannten spezifischen Phobien, die der Münchner Designer Nikolas Djuga gesammelt und in alphabetischer Reihenfolge ins Internet gestellt hat.

Die Zwangsstörung ist möglicherweise eine Variante der Angststörung: Menschen, die unter unerklärlichen Zwängen wie einem „Waschzwang“, „Kontrollzwang“, „Putzzwang“ oder „Ordnungswahn“ leiden, beschreiben ihre Handlungen selbst häufig als vollkommen unsinnig. Dennoch „können“ sie „einfach nicht anders“ – und müssen zum Beispiel mindestens zehn Mal hintereinander nachschauen, ob sie den Herd ausgeschaltet oder die Balkontür auch wirklich abgeschlossen haben. Diese Zwangshandlungen verleihen ihnen kurzfristig das Gefühl, „alles unter Kontrolle zu haben“, und reduzieren die ansonsten vorhandene Angst.

 

Eine weitere Form, in der sich Zwangsstörungen äußern, sind Zwangsgedanken: Die Betroffenen werden dabei immer wieder von denselben Gedanken heimgesucht, die ihnen Angst machen.

 

Erfahren Sie jetzt mehr über das Krankheitsbild Zwangsstörung.
 

Ursachen Die Ursachen einer Angststörung

Grundsätzlich wird eine Angststörung durch zwei Faktoren begünstigt (oder ausgelöst):
Der erste lässt sich in den Anfängen der Menschheit finden, als die Angst das Überleben ermöglichte. Die Menschen dagegen, die vor Tausenden von Jahren keine Furcht vor Raubtieren oder giftigen Pflanzen hatten, starben, während vorsichtigere Naturen ihre (begründeten) Ängste jeweils an die nächste Generation weitervererben und weitergeben konnten. 

Die Mandelkerne – die Alarmanlage im Gehirn

Die Amygdalae („Mandelkerne“) sind ein Teil des limbischen Systems, das für die Steuerung unserer Emotionen verantwortlich ist – also auch für die Angst. Diese Ansammlung hochempfindlicher Nervenzellen bewertet innerhalb weniger Millisekunden Situationen, schätzt potenzielle Gefahren ein und wandelt mithilfe des Hirnstamms und der Großhirnrinde diese Empfindungen der Sinneseindrücke in Verhalten um. Der Hirnstamm löst dabei unsere automatisierten Verhaltensreaktionen aus, die vom Erstarren über eine Flucht bis hin zu einem Angriff reichen können. Die Großhirnrinde ist in diesem Moment zuständig für das emotionale Erleben unserer Angst.

Faktoren, die eine Angststörung begünstigen können

Wenn in einer Gefahrensituation unser Herz schneller schlägt, werden unsere Muskeln stärker durchblutet; gleichzeitig sorgt unsere schnellere Atmung für einen höheren Sauerstoffgehalt im Blut. Auf diese Weise stellt unser Körper die Weichen für eine Flucht oder einen Angriff. Diese natürlichen Abläufe „stecken in uns drin“ und sorgen für mehr Sicherheit – denn wir sind jetzt von den Haar- bis in die Fußspitzen „bereit“, auf etwaige Gefahren zu reagieren.

 

Allen Angsterkrankungen oder Angststörungen liegt zugrunde, dass die jeweiligen inneren oder äußeren Auslöser für unsere Angst übersteigert wahrgenommen werden; die darauffolgenden emotionalen und körperlichen Reaktionen werden ebenfalls übersteigert umgesetzt.

7 %
der Deutschen haben eine Sozialphobie
10 %
junger Menschen leiden an einer akuten Angststörung
15 %
der Deutschen hatten bereits eine Angststörung
* Quellen: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), Bundesministerium für Gesundheit (BMG).

Die Entstehung von Angststörungen basiert – wie bei anderen psychischen Erkrankungen – nach dem heutigen Stand der Wissenschaft auf mehreren Faktoren.
Neben evolutionär entstandenen und vererbten „Dispositionen“ („Angstbereitschaft“) spielen frühkindliche Erfahrungen (vor allem Traumatisierungen), das „Modellverhalten“ und der „Erziehungsstil“ der Eltern eine große Rolle. Die Wahrscheinlichkeit, bei unsicheren und ängstlichen Eltern, die darüber hinaus im Erziehungsverhalten überfürsorglich-beschützend agieren („overprotection“), im Laufe des Lebens eine Angststörung zu entwickeln, ist erhöht.
 
Gleichwohl ist das individuelle Auftreten von Angststörungen nur vor dem Hintergrund weiterer individueller Risikofaktoren und dem Fehlen oder der Schwächung protektiver (schützender) Einflüsse (soziale Unterstützung, persönliche Ressourcen, Resilienz) zu verstehen

Die Forschung geht heute davon aus, dass genetische Faktoren (z. B. die „Empfindlichkeit“ der „Mandelkerne“) für die Entstehung einer Angststörung (oder eine Phobie) eine große Rolle spielen. Dieses Gebiet ist jedoch noch unzureichend untersucht. Fest steht bisher nur, dass viele Patienten eine erbliche Angstdisposition haben und dass Angsterkrankungen bei eineiigen Zwillingen weitaus häufiger gemeinsam auftreten als bei zweieiigen Zwillingspaaren.

Neurobiologischen und neuroendokrinen (hormonbildende Zellen) Vorgängen in unserem Körper werden bei einer Angststörung inzwischen ebenfalls eine mitentscheidende Rolle zugewiesen. Die Wissenschaft hat Belege dafür gefunden, dass bei Angst- und Panikstörungen das Gleichgewicht von Botenstoffen (Neurotransmittern) wie etwa Serotonin, Noradrenalin oder Gamma-Aminobuttersäure (GABA = Angsthemmer) gestört ist. 

 

Auch können bereits winzige Störungen der Amygdalae („Mandelkerne“) das Verhalten eines Lebewesens in potenziellen Gefahrensituationen stark verändern: In Laborversuchen genügte Katzen, deren Mandelkerne mit schwachen elektrischen Reizen manipuliert wurden, bereits der Anblick einer Maus, um in Panik zu flüchten.

Traumatische Kindheitserlebnisse, wie körperliche und seelische Gewalt, oder andere außergewöhnliche Belastungen, wie etwa ein zu strenger Erziehungsstil, der zu seelischem Dauerstress führen kann, zählen zu den Risikofaktoren für eine Angststörung. Überdies können auch negative Lernerfahrungen unbegründete Ängste oder übersteigerte Furcht fördern: Wenn ein Kind übervorsichtig durchs Leben geht oder geführt wird (wenn es ihm verwehrt wird, gewisse Angsterfahrungen zu machen), verpasst es den positiven Erkenntnisgewinn, dass Angst in den meisten Fällen unbegründet ist. 

Angststörung und Depression treten häufig gemeinsam auf

Da es sich bei Angst um ein zutiefst menschliches Gefühl handelt, muss mit einer umfassenden Anamnese geklärt werden, ob tatsächlich eine krankhafte Angststörung vorliegt oder ob sich die Angst auf einem normalen Level befindet.

 

Hinzu kommt, dass verschiedene Angststörungen gemeinsam auftreten können. Darüber hinaus findet man zahlreiche Symptome einer Angsterkrankung in anderen psychischen Krankheitsbildern wieder. Hierzu gehören vor allem eben Depressionen, aber auch bipolare Störungen. Angststörungen können Depressionen hervorrufen, der umgekehrte Fall ist ebenso möglich.

 

Bei rund der Hälfte aller diagnostizierten Angststörungen leiden die Patienten gleichzeitig unter Depressionen. Im Falle einer Psychotherapie muss unbedingt darauf geachtet werden, beide Krankheitsbilder bei der Behandlung zu berücksichtigen. 

Wie man Angststörungen feststellt

Um eine Angststörung zu diagnostizieren, sollten Ärzte sich immer Zeit nehmen: zum einen, weil Angst ein weitverbreitetes Phänomen ist, das unser Leben begleitet und in vielen verschiedenen Facetten immer wieder auftreten kann; zum anderen, weil Angstpatienten häufig über mehrere verschiedene Symptome und Beschwerden klagen – denn Angststörungen treten nicht selten in Kombination mit anderen organischen oder psychischen Erkrankungen auf.

Spezifische Phobien, wie eine Spinnenphobie oder ausgeprägte Flugangst, können als unangemessene, verstärkte sowie verlängerte Angstreaktionen meist noch relativ einfach von „normalen“ Ängsten, etwa der vorsichtigen Zurückhaltung vor fremden Hunden, abgegrenzt werden. Aber bei „generalisierten Ängsten“ fällt diese Abgrenzung zu „pathologischer“ (krankhafter) Angst bzw. einer Angststörung schon schwerer. Wenn Ängste das Leben zunehmend beherrschen und sich das Verhalten der Betroffenen im Alltag nachteilig ändert – wenn ihre Angst also Leiden verursacht, dann ist es höchste Zeit, professionelle Unterstützung in Anspruch zu nehmen. 

 

Eine Schwierigkeit bei der Diagnose von Angststörungen ist, dass bei den Patienten sehr häufig „körperliche“ Beschwerden und Symptome (zum Beispiel Herzrasen, Zittern, Schwitzen, Muskelanspannung, Übelkeit, Schwindel) im Vordergrund stehen oder als besonders bedrohlich erlebt werden. Ohne eine körperliche Untersuchung und den Ausschluss wichtiger körperlicher Erkrankungen (Differenzialdiagnose), die sehr ähnliche Beschwerden wie Angststörungen (vor allem Panikattacken) hervorrufen können, lässt sich daher keine sichere Erstdiagnose einer Angststörung stellen.

 

Die sorgfältige Anamnese einschließlich der Befragung zu bekannten Krankheiten und der Medikamenten- und Drogeneinnahme sowie die gründliche körperliche Untersuchung gehören daher ebenso wie testpsychologische Untersuchungen zur unverzichtbaren diagnostischen Routine bei der Abklärung, ob eine Angststörung vorliegt – und wenn ja, welche.

 

Die Grundvoraussetzung für eine exakte Diagnose und die Empfehlung einer Therapie ist das persönliche Gespräch zwischen dem Patienten und dem Arzt oder einem Psychotherapeuten. Ein EKG (Messung der Herzaktionen), ein EEG (Ableitung der Hirnströme) oder auch eine Magnetresonanztomografie (MRT) gehören dann, ebenso wie Laboruntersuchungen (z. B. Schilddrüsenhormonbestimmungen), zu den weiteren Maßnahmen, um eine Angststörung in Abgrenzung von anderen Erkrankungen ggf. sicher diagnostizieren zu können (Differenzialdiagnose).

Behandlungen und Therapien Therapien bei Angststörungen

Niemand sollte sich schämen, eine Angststörung behandeln zu lassen. In Gesprächen mit unseren Patienten hat sich immer wieder gezeigt, dass ein offener Umgang mit dieser Erkrankung ihre Therapie unterstützt. In der Behandlung von Angststörungen erzielen wir – im Einklang mit den wissenschaftlichen Leitlinien – in unseren Oberberg Fachkliniken mit der kognitiven Verhaltenstherapie, oft auch in Kombination mit einer medikamentösen Therapie, überzeugende Ergebnisse. Je höher die Motivation des Patienten und seine Akzeptanz der Angsterkrankung sind, desto größer sind seine Genesungschancen. 

Die bewusste Konfrontation mit der Angst

Wir möchten, dass unsere Patienten verstehen, welche ihrer körpereigenen Mechanismen Ängste hervorrufen und warum diese Ängste bis ins schier Unerträgliche verstärkt werden. Begleitet durch den Therapeuten werden sie daher bewusst mit den Situationen konfrontiert, die sie als intensive Reizüberflutung erleben. Unsere Patienten können auf diese Weise lernen, dass die Angstzustände, die sie eben noch sehr ausgeprägt verspürt haben, von selbst wieder nachlassen, wenn man in der Situation bleibt (Habituation). 

Entscheidend ist letztendlich, dass ein Mensch nach einer erfolgreichen Therapie seine wiedergewonnene psychische Stabilität auch langfristig aufrechterhalten kann. Deshalb arbeiten wir bereits während der Therapie gemeinsam mit dem Patienten an seinem „seelischen Immunsystem“ – der „Resilienz“.
Dr. med. Tobias Freyer
Ärztlicher Direktor Oberberg Parkklinik Wiesbaden Schlangenbad

Die Behandlung von Angststörungen Wirksame Psychotherapien in heilsamer Umgebung

In den Oberberg Fachkliniken für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie unterstützen wir Menschen in schweren seelischen und psychischen Krisensituationen mit effizienten Behandlungskonzepten. Dabei glauben wir fest an das Zusammenwirken von Menschlichkeit, Verbundenheit und Evidenz in einer erstklassigen Umgebung, die von einer herzlichen Atmosphäre aus Achtsamkeit, Zugewandtheit, Respekt und gegenseitigem Vertrauen geprägt ist. 

Ansprechpartner Sie können sich jederzeit an uns wenden – vertrauensvoll und diskret

Ob Sie Informationen zu unserem therapeutischen Behandlungsangebot bei Angststörungen, zur Unterbringung in den Fachkliniken oder zum Ablauf des Klinikaufenthaltes benötigen – wir stehen Ihnen gerne jederzeit beratend zur Seite. Wenn Sie einen Rückruf für ein persönliches Gespräch vereinbaren möchten, füllen Sie bitte das Kontaktformular aus. Wir melden uns dann schnellstmöglich bei Ihnen.

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