Essstörungen

Essstörungen – ein gesamtgesellschaftliches Thema?

Zum Thema Essstörungen existiert in unserer Gesellschaft oft ein verzerrtes Bild: „Das betrifft nur junge Mädchen“. „Es gibt zu viele falsche Vorbilder“. „Da haben bestimmt die Eltern was falsch gemacht“. Dabei sind die Ursachen und Gründe für eine Essstörung viel komplexer. Es sind bei weitem nicht „nur junge Mädchen“ betroffen, vielmehr gewinnt das Thema mit zunehmendem Tempo an gesamtgesellschaftlicher Bedeutung. Zudem müssen im Rahmen einer Diskussion die verschiedenen Arten von Essstörungen beleuchtet werden. Zeit, mit Vorurteilen und Halbwahrheiten aufzuräumen.

Auslöser und Faktoren

Übermäßig viel oder auffällig wenig zu essen, ist noch lange keine Essstörung. Hinter einer sogenannten Essstörung stecken immer auch psychische Probleme – das Essen bzw. das Hungern dient als „Lösungsansatz“. Essstörungen haben per se auch stets eine körperliche (somatische) Komponente, weil durch Nahrungsentzug starke biologische Reaktionen hervorgerufen werden. Der Körper wird in eine Art Alarmzustand versetzt. Ein oftmals fließender Übergang zwischen einem auffälligen oder krankhaften Essverhalten ist erschwerend für eine Beurteilung. Eine Essstörung betrifft nicht ausschließlich junge Menschen. Diese sind zwar anfälliger für die Entstehung der Krankheit, jedoch betreffen die Ursachen von Essstörungen teilweise die gesamte Gesellschaft. Experten unterscheiden nach biologischen Faktoren (Erbgut), familiären Faktoren (übertriebene Fürsorge, Leistungsdruck, impulsive Konflikte), individuellen Faktoren (niedriges Selbstwertgefühl, Perfektionismus, Impulsivität) und soziokulturellen Faktoren (Schlankheitsideal, Konkurrenzdruck). Alle Faktoren erhöhen das Risiko einer falschen Ernährung, als deren Auslöser oft belastende Ereignisse gelten. Bei der Suche nach Ursachen sollten jedoch pauschalisierende Annahmen und Schuldzuweisungen unbedingt vermieden werden. Vielmehr gilt es, jeweils den Einzelfall auf individuelle Faktoren hin anzuschauen. Eine einmal aufgetretene Essstörung kann durch die dadurch entstehenden körperlichen Veränderungen und ungesunden Verhaltensweisen sowie Belastungssituationen im Alltag (Stress, verzerrte Körperwahrnehmung, negative Denkmuster) am Leben gehalten werden und in einem Teufelskreis münden.

Formen der Essstörung: Anorexie, Bulimie, Binge-Eating-Störung

Die Formen von Essstörungen sind vielfältig und äußern sich auf verschiedene Weisen. Die klassische Magersucht (Anorexie) entsteht vor allem bei jungen Mädchen zwischen 13 und 16 Jahren. Dreimal häufiger als die Magersucht existiert die Bulimie, bei der sich Essattacken und kompensatorische Maßnahmen wie etwa Erbrechen, Diuretika, exzessives Fasten, Klistiere, Medikamentenmissbrauch, exzessiver Sport o.ä. finden. Ein Abwechseln von Anorexie und Bulimie ist keine Seltenheit. In den letzten fünf Jahren rapide zugenommen hat die Esssucht (Binge-Eating-Störung). Bezeichnend ist das wiederholte Auftreten von Essanfällen mit Verschlingen großer Nahrungsmengen und dem Gefühl des Kontrollverlustes während der Heißhungerattacke. Im Gegensatz zur Bulimie wird die Aufnahme großer Nahrungsmengen jedoch nicht kompensiert. Eine konsequente Gewichtszunahme ist die Folge. Der Anteil an Männern ist bei der Esssucht um 25 Prozent höher als der Anteil an Frauen.

 

Es gibt Fälle von Essstörungen, die sich nicht exakt in einem der drei oben genannten Krankheitsbilder abbilden lassen. So existieren zwischen Anorexie, Bulimie und Binge-Eating-Störung Schnittmengen und Mischformen, in denen sich Betroffene wiederfinden. Derzeit diskutieren Experten, inwieweit sich etwa ebenso eine übertriebene Fixierung auf „gesundes Essen“ als Essstörung definieren lässt. Auch hier treten gängige Symptome einer Erkrankung auf: Gedankenfokus auf bestimmte Produkte, dauerhaftes Verhaltensmuster, Verminderung der Lebensqualität durch soziale Isolation und Empfinden von Schuldgefühlen bei Nichtbeachtung der eigenen Regeln. Fachleute sprechen in diesem Fall von Orthorexie.

Kinder: Essstörung oder ein „schwieriger Esser“?

Nicht nur Jugendliche und Erwachsene sind von Essstörungen betroffen. Auch Kinder zeigen immer häufiger Auffälligkeiten in Bezug auf ihre Essgewohnheiten. Die häufiger werdende kindliche Magersucht kann eine Folge von einem sehr negativen Selbstbild sein: Die Selbstakzeptanz ist abhängig von den Zahlen, die die Waage anzeigt. Ein übertrieben wählerisches Essverhalten führt zu einer reduzierten oder eingeschränkten Nahrungsauswahl. Bei Kindern in jungen Jahren ist dieses Verhalten des „Picky Eating“ nicht ungewöhnlich, jedoch wird es alarmierend, wenn ganze Nahrungsgruppen (wie beispielsweise Obst oder Gemüse) über einen langen Zeitraum verschmäht werden. Kinder differenzieren hier nicht nach Kaloriengehalt, sondern nach Farbe, Form oder Beschaffenheit des Lebensmittels. Fachleute sprechen hier von „ARFID“ (Avoidand Restrictive Food Disorder), die auch bis ins Erwachsenenalter hinein fortbestehen kann und auch im Zusammenhang zu anderen Essstörungen stehen kann. Bei Kindern ist es schwer, zwischen Essstörung oder einem „schwierigen Esser“ zu unterscheiden. Aufmerksame Eltern sollten in jedem Fall immer ein übermäßiges Ausdehnen des auffälligen Essverhaltens im Auge behalten. Gesunde Kinder haben normalerweise ein natürliches Gefühl für Hunger, Sättigung und ihren Bedarf bei der Nahrungsaufnahme. Es ist empfehlenswert, frühzeitig mit den eignen Kindern über Nahrungsmittel zu sprechen, um Vorbehalte oder Ängste abzubauen. Alternative Zubereitungsmethoden und/oder gemeinsames Kochen helfen dabei, gemeinsam ein gesundes Maß und eine entspannte Einstellung zu entwickeln. Stellt sich die Frage, ob es sich um behandlungsbedürftiges Essverhalten handelt, so sollte der Kontakt zu Fachleuten nicht gescheut werden: Rechtzeitige Diagnostik sowie Behandlung verbessern im Falle einer Essstörung massiv die Prognose.

Ernährung und Alltag

Während es bei Kindern und Jugendlichen in der Pflicht der Erziehungsberechtigten liegt, für ein gesundes und ausgewogenes Essverhalten zu sorgen, sind Erwachsene für ihre Ernährung selbst verantwortlich. Dabei treffen sie tagtäglich auf vermeintliche „Problemlöser“, die uns die Industrie anbietet: Diäten, Nahrungsergänzungsmittel und Convenience-Produkte. Der tägliche Kontakt mit diesen Möglichkeiten führt nicht selten zu einer fehlerhaften Ernährung. Das Übergewicht in Deutschland nimmt in allen Bevölkerungsgruppen zu. Die Gründe für eine fehlerhafte Ernährung bei Erwachsenen sind vielfältig. Laut einer Ernährungsstudie der Techniker Krankenkasse aus 2017 geben über die Hälfte der Befragten an, nicht genügend Zeit für eine gesunde Ernährung zu haben. 43 Prozent fehlt schlicht und einfach der Wille, sich gesund zu ernähren. 29 Prozent mangelt es an Geld, jedem vierten Befragten an dem Wissen, gesundes Essen zuzubereiten. Lösungsmöglichkeiten sieht die Studie in einem gesünderen betrieblichen Essensangebot und einer breiten Aufklärung über gesundes Essen, bestenfalls bereits in Kitas, Schulen und Hochschulen.

Lernen zu differenzieren

Es gibt wenige Themen, die so sehr mit Klischees und Halbwahrheiten behaftet sind wie das Thema Essstörungen. Ursachen und Ausprägung sind ebenso individuell und vielfältig wie die Möglichkeiten der Prävention und der Hilfe. Für Familie und Freunde ist es wichtig, zwischen den verschiedenen Formen der Erkrankung zu differenzieren, Tendenzen und Veränderungen aufmerksam zu beobachten, Aufklärung zu betreiben und das Selbstwertgefühl zu stärken. Ein realistisches Selbstbild sowie die Bereitschaft, sich mit gesunden Lebensmitteln auseinanderzusetzen, sind ein guter Schutz vor einem Abrutschen in eine fehlerhafte Ernährung.

 

Es sollte vermieden werden, Druck auf die Betroffenen aufzubauen. Es gilt zu beachten: Essstörungen sind ernsthafte Erkrankungen, die professioneller Hilfe bedürfen. Frühzeitiges Erkennen und handeln verbessern die Prognose. Unsere Ansprechpartner stehen Ihnen für Fragen und Auskunft gerne zur Verfügung.

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