Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegen unsere Freiheit und die Möglichkeit, unsere Antwort zu wählen. In unserer Antwort liegen unser Wachstum und unsere Freiheit.
Viktor E. Frankl
Achtsamkeit heißt, alles, was im gegenwärtigen Moment geschieht, bewusst wahrzunehmen, ohne zu urteilen. Gerade Menschen mit psychischen Erkrankungen verlieren in ihrem Alltag den gegenwärtigen Augenblick aus den Augen und sind gefangen in der Vergangenheit oder Zukunft. Dabei ist der gegenwärtige Augenblick die einzige Zeit, in der wir handeln und die wir tatsächlich erleben können. Wenn sich, wie z.B. bei Depressionen die Gedanken nur noch um die Vergangenheit drehen, bei Suchterkrankungen Craving den Alltag beherrscht oder bei Angsterkrankungen die Gedanken sich nur noch in der Zukunft befinden, ist es uns nicht mehr möglich, präsent zu sein, weder bei kleinen noch bei großen Ereignissen – das Leben wird kontrolliert durch Gedankenspiralen einer psychischen Erkrankung und rauscht förmlich vorbei, ohne gelebt zu werden.
Achtsamkeit und Psychosomatik
Durch Übungen der Achtsamkeit ist es möglich, innezuhalten und durch eine Erkrankung bestimmte Gedanken oder Gefühle aufmerksam wahrzunehmen und zu beobachten, ohne von diesen jedoch kontrolliert zu werden. Achtsamkeitsbasierte Psychotherapie fördert eine achtsamere Wahrnehmung von Auslösern, Gedankenspiralen oder automatischen Reaktionen, die für eine Krankheitsentwicklung oder einen Rückfall in alte Krankheitsmuster, ob bei Depressionen, Burn-out oder Abhängigkeitserkrankungen von zentraler Bedeutung sein können. Achtsamkeitsbasierte Psychotherapie kultiviert die Fähigkeit innezuhalten, die gegenwärtige Erfahrung zu beobachten und Handlungsmöglichkeiten, die in jedem Augenblick zu Verfügung stehen, bewusster wahrzunehmen. Hierdurch wird eine neue Form einer inneren Freiheit und Bewusst-Sein ermöglicht, sein eigenes Leben im Sinne einer „ansteckenden Gesundheit“ zu gestalten.
Achtsamkeit und Persönlichkeit
Achtsamkeitsbasierte Psychotherapie ermöglicht ein tieferes Verständnis von sich selbst. Achtsamkeitsbasierte Übungen führen nicht nur zur Entspannung, sondern zu einem neuen Zugang und Wachstum der eigenen Persönlichkeit in all ihren Facetten. Weiterhin führt Achtsamkeit zu einer neuen der inneren Verankerung und Verbundenheit. Gerade in Zeiten, in denen der äußere Stress in der Arbeitswelt und die Vereinsamung der Menschen zunehmen, ist die Fähigkeit einer inneren Verankerung und Verbundenheit von essentieller Bedeutung. Durch eine verbesserte Selbstwahrnehmung, innere Klarheit und Verbundenheit entsteht eine neue Form des Miteinanders und Lebensqualität. In diesem Sinne führt achtsamkeitsbasierte Psychotherapie die Behandlung von psychosomatischen Erkrankungen aus der reinen Krankenbehandlung in die Bewusstwerdung und das Wachstum der eigenen Persönlichkeit.
Achtsamkeit und Gehirn
Übungen der Achtsamkeit oder Meditation haben verblüffende Wirkungen auf unser Gehirn: Studien belegen, dass Achtsamkeitsübungen langfristig die Architektur des Gehirns verändern. Die US-Wissenschaftlerin und Harvard Psychologin Sarah Lazar untersuchte 20 regelmäßig meditierende Probanden und stellte fest, dass ihre Hirnrinde bis zu fünf Prozent dicker ist als die nicht meditierender Vergleichspersonen. Zudem wiesen ihre Hirnareale für Aufmerksamkeit und Sinneswahrnehmungen deutlich mehr neuronale Verschaltungen auf. Achtsamkeit und Meditation führt also nicht nur zu einer neuen Arbeits- und Lebensqualität, sondern auch auf organischer Ebene zu Veränderungen. In zahlreichen Studien konnte nachgewiesen werden, dass Achtsamkeitsübungen bei der Behandlung von psychischen und körperlichen Erkrankungen positive Effekte aufweisen. Typischerweise helfen Achtsamkeitsübungen bei allen stressassoziierten Erkrankungen, wie Burn-out, Depression, Abhängigkeitserkrankungen, aber auch den körperlichen Folgeerkrankungen von Stress wie Bluthochdruck, Diabetes oder Muskelverspannungen.
Praktische Umsetzung
In der praktischen Umsetzung haben achtsamkeitsbasierte Therapien in den Oberbergkliniken u.a. folgende formalen Übungsinhalte im Therapiealltag:
- Bodyscan nach Jon Kabat-Zinn
- Atemübungen (3-min)
- Geführte Meditationen
- Übungen der Stille
- z.B. zu Beginn und am Ende von Gruppentherapien
- im Raum der Stille
Non-verbale Therapieverfahren, wie z.B. Gestaltungstherapie oder Körpertherapie sind ein weiterer Bestandteil der achtsamkeitsbasierten Therapie. Ein neuer Zugang zu Gefühlen oder zum eigenen Körper wird ermöglicht.
Räume der Stille
Für eine neue Form der Entspannung und Innenschau wurden in jeder der Oberbergkliniken Räume der Stille eingerichtet, die Tag und Nacht genutzt werden können. Bewusst schlicht und offen gestaltete Patientenzimmer, die aus Gründen der Achtsamkeitspraxis ohne unnötige Außenreize, wie z.B. Internet oder fremde Bilder gestaltet sind, dienen ebenfalls als „Raum der Stille“ der Innenschau und fördern eine achtsame Auseinandersetzung mit der aktuellen Befindlichkeit und der eigenen Persönlichkeit.
